Wir sehen das Bild eines gefallenen US-amerikanischen Soldaten am Ohama Beach, dem Strand der Normandie. Gefallen ist der Soldat 1944 während der Kämpfe der alliierten Truppen gegen die Wehrmacht Nazideutschlands im Gefolge der „Operation Neptune“ am D-Day des 06.06. Zu seinem Gedenken liegen neben dem gefallenen Soldaten gekreuzte Gewehre als letzter Gruß. Man weiß nicht genau, von wem das Foto stammt. Die NY Times gibt nur „U.S. Coast Guard“ als Urheber an, während andere vermuten, es stamme von Robert F. Sargent, dem Photographen der U.S. Coast Guard, der das berühmte Foto „Into the Jaws of Death“ gemacht hat. Unbekannt ist der gefallene Soldat. Wer war er? Was hat er in seinen letzten Stunden gedacht und gefühlt? Welches war sein familiäres und freundschaftliches Umfeld? Wer hat um ihn getrauert?
Wir wissen es nicht. Unklar ist auch die Haltung der gesellschaftlichen Linken zur Beteiligung an militärischen Einsätzen bürgerlicher Staaten. Es gibt zwei divergente idealtypische Positionen in der gesellschaftlichen Linken. Die erste Position lehnt militärische Einsätze bürgerlicher Staaten und eine Beteiligung von Linken hieran ab. Hierfür werden zwei Argumente angeführt. Einerseits sind für manche Linke kapitalistische Produktionsweise und bürgerlicher Staat ursächlich für die Entstehung der meisten gewalttätig ausgetragenen Konflikte. Daher lehnen sie militärische Einsätze bürgerlicher Staaten prinzipiell ab, da diese in ihrer Gesamtheit für die Entstehung von Konflikten selbst verantwortlich seien. Andererseits betonen manche Linke die Grausamkeit des Krieges mit der großen Zahl an Toten, schwer Verwundeten und Traumatisierten, darunter viele Soldaten ohne militärische Ambitionen sowie sehr viele Zivilisten. Das Resultat von Kriegen sei letzten Endes immer und notwendigerweise inhuman und abstoßend.
Die zweite Position ist zwar kritisch gegenüber militärischen Einsätze bürgerlicher Staaten, lehnt jedoch eine Beteiligung von Linken hieran nicht grundsätzlich ab. Einerseits seien kapitalistische Produktionsweise und bürgerlicher Staat zwar in ihrer Gesamtheit oft mitursächlich für die Entstehung gewalttätig ausgetragener Konflikte. Doch es gebe Konflikte, in denen der eine bürgerliche Staat klar angreife und der andere angegriffen werde. Manchmal gebe es zudem militärische Konflikte zwischen autoritären und nicht-autoritären Regimes. Ein Support des nicht-autoritären Regimes sei auch dann richtig, wenn dieses bürgerlich sei. Freilich seien Kriege mit Toten, schwer Verwundeten und Traumatisierten grausam. Aber um dem kriegerischen Treiben ein Ende zu bereiten, sei es zuweilen erforderlich, gegen die Gewalt der Kriegsbeginner Gegengewalt anzuwenden. Es sei daher nicht richtig, hier pauschal nein zu sagen.
Diese unterschiedlichen Positionen spiegeln sich in den zwei tollen Songs „James and the Cold Gun“ von Kate Bush und „The Partisan“ von Leonard Cohen wider. Kate Bush und Leonard Cohen sind fürwahr beide beeindruckende Popkünstler. Ihre beiden Songs beinhalten jedoch konträre Botschaften, die auch die divergenten Positionen innerhalb des linken Diskurses markieren.
Kate Bush: „James and the Cold Gun“
1978 veröffentlichte die englische Sängerin Kate Bush auf ihrem Debutalbum „The Kick Inside“ den Song „James and the Cold Gun“, den sie Anfang der 70er Jahre als Mädchen geschrieben und 1977 erstmalig aufgenommen hatte. Das Thema der Lyrics ist eine Kritik an kriegerischer Gewalt. James, der Protagonist des Liedes, ist mit seiner kalten Knarre („cold gun“) aufs Schlachtfeld ausgezogen („You left town to live by the rifle, you left us to fight“). Die zurückgelassenen Freunde und Familie vermissen James („You’ve been gone too long, baby“) und sehnen sich ihn zurück, auf dass er nicht allein in der Schlacht sterbe („We can’t let our hero die alone“).
An James werden in Du-Form die Botschaften adressiert: ob er sich nicht an seine Freundin Genie aus dem Kasino erinnere („Remember Genie from the casino?“), die sehnsüchtig auf ihn warte („She’s still a-waiting in that big brass bed“); ob er nicht seine Trinkkumpanen vermisse, die sich ohne ihn besinnungslos betrinken und den Tod herbeisehnen, da sie ihr Leben ohne James nur in Einsamkeit führen („The boys from your gang are knocking whisky back ‘til they get out of hand and wish they were dead; they’re only lonely for the life that they led with their old friend“).
Zwar wirken die Formulierungen durch ihren übersteigerten Ausdruck komisch, was durch die Western-Atmosphäre in Text („casino“, „whisky“), Takt (mal galoppierender, mal trabender Rhythmus) und Aufführung (Kate Bush als James im Western-Suit mit Flinte) noch verstärkt wird, aber dennoch besteht kein Zweifel, dass der Song Kritik an Gewalt übt: Wer kämpfe, verkaufe seine Seele („Ooh, James, are you selling your soul to a cold gun?“), entferne sich von Menschheit und Menschlichkeit („You’re running away from humanity“) und laufe feige („coward“) vor der Realität davon („You’re running out on reality“). Und: Der immer mögliche Tod auf dem Feld sei keineswegs lustig („It won’t be funny when they rat-a-tat-tat you down“).
Leonard Cohen: „The Partisan“
Der Song „The Partisan“ wurde zwar berühmt durch den kanadischen Poeten und Sänger Leonard Cohen, der ihn 1969 auf seinem Album „Songs From A Room“ veröffentlichte. Das Lied ist jedoch älter: Seine Melodie wurde 1943 von der russischstämmigen Französin Anna Marly komponiert und sein Text vom französischen Widerstandskämpfer Emmanuel d’Astier de La Vigerie verfasst. Im Original hieß das Lied „La Complainte du partisan“, auf Deutsch „Die Klage des Partisanen“. Der US-Amerikaner Hy Zaret übersetzte den Song unterm Titel „The Partisan“ ins Englische, und auf dieser Grundlage adaptierte Leonard Cohen den Song auf die ihm eigene Weise. Eine vom Verfasser erstellte Synopse der verschiedenen Textversionen findet sich hier. Anna Marly, die auch die Melodie des berühmten Résistance-Liedes „Chant des Partisans“ komponierte, sang „La Complainte du partisan“ im französischen BBC-Funk der BBC, um die Aktionen der Résistance, die keineswegs nur zivil, sondern auch militärisch ausgerichtet waren, moralisch zu unterstützen.
Dies war Leonard Cohen bewusst, als er das Lied 1969 interpretierte. 1988 sagte er etwa in einem Interview, dass „sich der Protagonist des Songs wirklich aktiv im Krieg gegen Faschismus oder Tyrannei oder Unterdrückung einsetzt“ (Übers. AR). Die Botschaft des Liedes „The Partisan“ ist eindeutig: „Die Deutschen waren bei mir zu Hause. Sie sagten mir: ‚Ergib dich!‘ Aber ich konnte nicht. Ich nahm meine Waffe wieder.“ Manchmal hört sich „Mais je n’ai pas pu“ = „Aber ich konnte nicht“ auch an wie „Mais je n’ai pas peur“ = „Aber ich habe keine Angst“. Doch wie dem auch sei: Das Lied appelliert, sich mit der Waffe gegen militärische Unterdrückung zu wehren. Die Widerstandskämpfer haben Frau und Kinder verloren. Sie haben gesehen, wie Alte, die ihnen zu Unterschlupf verholfen hatten, ermordet wurden. Sie haben erfahren, wie Mitstreiter fielen. Dennoch führen sie ihren Kampf weiter für ihre Freunde und die Résistance im gesamten Frankreich. Denn nur militärisch lassen sich Freiheit und Licht nach der Epoche des Schattens wiedererlangen. Militärische Gewalt des Widerstands fungiert hier als Instrument zur Bekämpfung militärischer Gewalt der Tyrannei.
An diese Position knüpfte Leonard Cohen später an, als er 1973 während des von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten begonnenen Jom-Kippur-Kriegs die israelischen Streitkämpfe musikalisch unterstützte und an ihrer Seite stand: „Ich ging hinunter in die Wüste, / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen. / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht waren, / ich wusste, dass sie nicht im Recht waren. / Aber Knochen müssen aufrecht stehen und gehen, / Und Blut muss sich bewegen, / und Männer gehen und ziehen hässliche Linien / über den heiligen Boden.“ Leonard Cohen verschweigt also nicht die Grausamkeit des Krieges und unterschlägt nicht, dass der Widerstand gegen Angreifer auch hässliche Momente des Unrechts mit sich bringt, aber er beteuert doch, dass Widerstand nicht unrecht, also legitim sein kann.
Das Dilemma
Offenbar gibt es ein Dilemma. Krieg ist grausam, und das ist auch die Teilnahme an ihm. Aber widerständiger Kampf gegen militärische Angriffe im Zeichen der Unterdrückung, die einen grausamen Krieg auslösen und verursachen, kommt oft nicht daran vorbei, seinerseits auf militärische Praktiken zurückzugreifen. Der widerständige Kampf sollte, so Emmanuel d’Astier de La Vigerie in der Orginalfassung der „Klage des Partisanen“, selbst dann geführt werden, wenn den Widerstandskämpfern das traurige Schicksal blühe, dass „man uns vergessen wird“. Ähnliches wird emphatisch im Lied „Spaniens Himmel“ formuliert, das den antifaschistischen Kämpfern im Spanischen Bürgerkrieg gewidmet ist und in der Version von Ernst Busch 1937 bekannt wurde: „Die Heimat ist weit, / doch wir sind bereit. / Wir kämpfen und sterben / für Dich: Freiheit!“
Der gefallene US-Soldat ist in Vergessenheit geraten. Nicht mal seinen Namen kennt man. In viel zu jungem Alter liegt er tot am Strand und hinterlässt Familie und Freunde mit Trauer. Das ist unzweifelhaft grausam. Grausam ist auch, wie viele Kämpfer und Zivilisten im Kampf gegen die Tyrannei ihr Leben lassen mussten. Benannt werden muss auch, dass infolge von Verrohung Exzesse stattfanden. Nicht unerwähnt bleiben soll zudem, dass auch im Staat der Tyrannei Zivilisten und Soldaten starben, die nicht für Tyrannei plädiert haben. Doch trotz all dieser Grausamkeiten war der militärische Kampf der Alliierten moralisch richtig und notwendig, auch wenn er unschuldige Opfer zur Folge hatte, denn er hat eben viele Menschen vor weiterer militärischer Gewalt geschützt und von schrecklicher Tyrannei befreit.
Geschichtliche Parallelisierungen sind gefährlich und können zu kläglichen und unhaltbaren Positionierungen führen. Der Spanische Bürgerkrieg ist etwa fraglos anders als der Zweite Weltkrieg. Spanischer Bürgerkrieg und Zweiter Weltkrieg sind unzweifelhaft anders als der Angriffskrieg der Russischen Föderation auf die Ukraine und das Hamas-Massaker am 07.10.2023 mitsamt hieraus resultierendem Gazakrieg. Zudem gibt es in der gesellschaftlichen Linken und nicht nur da beträchtliche Unterschiede, wenn es um die Beurteilung geht, wer angreift und wer sich verteidigt, wer auf der Seite des Fortschritts und wer auf der Gegenseite kämpft.
Der Verfasser dieser Zeilen hat hier gewiss seine subjektive Sicht der Dinge. Doch Zweck des Textes ist es lediglich, das in Rede stehende Dilemma offenzulegen. Denn wird das Dilemma nicht erkannt und benannt, kann die Positionierung sehr unzulänglich und falsch sein.

