Herausforderungen in der Vergangenheit
Über Jahre hinweg war es Aufgabe nicht-neoklassisch geprägter Ökonomen und Politiker, Erwerbslosigkeit ganz wesentlich als gesellschaftliches Resultat einer zu geringen Nachfrage nach Gütern zu benennen, die eine zu geringe Nachfrage nach Arbeitskräften zur Folge hatte. Daher wurde eingefordert, dass es verstärkt einer politisch induzierten Steigerung der Nachfrage nach Gütern bedarf, sei es im privaten oder öffentlichen Bereich, um dadurch eine erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften zu erwirken und die Erwerbslosigkeit zu senken. Ich hatte es in einem eigenen Text aus dem Jahre 2018 so beschrieben:
„Wenn es also Arbeitslosigkeit gibt, wird sie im keynesianischen Wirtschaftsregime mit zu geringer Güternachfrage erklärt. Möglich seien Probleme bei der Verteilung, die eine zu geringe Konsumnachfrage bei den mehrheitlich lohnabhängigen Haushalten zur Folge hätten; möglich sei auch eine zu geringe Investitionsnachfrage wegen pessimistischer Konsumeinschätzung (Unterkonsumtion), wegen kostenbedingt zu gering eingeschätzter Rendite oder wegen konkurrierender Kapitalien (Überakkumulation), die die Renditeerwartungen drücken; möglich sei auch eine zu geringe Staats- oder Exportnachfrage. Dadurch drohe jeweils die Güternachfrage unterhalb des Güterangebots zu liegen. Es resultiere Arbeitslosigkeit, die bei ausreichender Güternachfrage erst gar nicht entstünde.
Es wird also unterstellt, dass sowohl auf dem Gütermarkt als auch auf dem Arbeitsmarkt ein Angebotsüberhang bestehe. Auf dem Arbeitsmarkt könnten mehr sich anbietende Arbeitskräfte zum Einsatz kommen, wenn die Arbeitskraftnachfrage stiege. Die Nachfrage nach Arbeitskräften steige aber nicht, da auf dem krisenhaften Gütermarkt nicht alle produzierbaren Güter nachgefragt würden. Würde jedoch die Nachfrage nach Gütern gesteigert, würde es zum Gütergleichgewicht kommen. Dann würde auch das bislang unbefriedigte Angebot an Arbeitskräften durch eine anziehende Nachfrage nach Arbeitskräften abgeschöpft.“
So falsch lagen die nicht-neoklassisch geprägten Ökonomen und Politiker mit ihrer Analyse nicht. Denn es war ein Anstieg der gesellschaftlichen Nachfrage, der erst den Gütermarkt jahrelang zunehmend geräumt und dann zur Räumung des Arbeitsmarktes beigetragen hat. Der alte neoklassische Ansatz dagegen, erst durch Lohnsenkung den Arbeitsmarkt zu räumen und dann durch mehr Beschäftigung eine nur vermeintlich existierende Übernachfrage nach Gütern durch Ausdehnung des Güterangebots zu befriedigen, wurde nach 2010 zum Glück und zurecht weitgehend ignoriert. Diesen neoklassischen Ansatz hatte ich im o. a. Text aus dem Jahre 2018 wie folgt genauer benannt:
„Wenn es aber doch Arbeitslosigkeit gibt, wird sie im klassisch-neoklassischen Wirtschaftsregime mit Marktunvollkommenheiten auf dem Arbeitsmarkt erklärt. Gewerkschaften, Sozialstaat und Arbeitsmarktregulierung laufen in dieser Sicht Gefahr, die Harmonie auf dem Arbeitsmarkt zu stören, indem sie dazu beitrügen, dass die Reallöhne im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität zu hoch seien und sich wegen Arbeitsmarktregulierungen nicht hinreichend nach unten bewegen dürften. Daraus resultiere Arbeitslosigkeit. Die Folge sei, dass die eigentlich bestehende Güternachfrage wegen unzureichend nachgefragter Arbeitskräfte nicht bedient werde.
Bei Arbeitslosigkeit wird also unterstellt, dass auf dem Arbeitsmarkt ein Angebots- und auf dem Gütermarkt ein Nachfrageüberhang bestehe. Auf dem Gütermarkt könne mehr Nachfrage realisiert werden, wenn das Güterangebot stiege. Das Güterangebot steige aber nicht, da wegen Marktunvollkommenheiten auf dem Arbeitsmarkt nicht alle Arbeitskräfte nachgefragt würden. Würden jedoch Gewerkschaftsmacht, Sozialstaatsansprüche und Arbeitsmarktregulierung geschliffen, käme es zu Vollbeschäftigung. Dann würde auch die bislang unbefriedigte Güternachfrage durch ein anziehendes Güterangebot gedeckt.“
Die Kritik nicht-neoklassisch geprägter Ökonomen und Politiker am neoklassischen Ansatz war also nicht fruchtlos, denn in den Auseinandersetzungen um die zu praktizierende Wirtschaftspolitik der Regierungen spielte er nach 2010 eine viel geringere Rolle als früher. Auch die Forderung nicht-neoklassisch geprägter Ökonomen und Politiker nach Binnennachfragesteigerung blieb nicht gänzlich unerhört. Der Beitrag von Konsum und Investitionen zum preisbereinigten Wachstum war nämlich von 2010 bis 2023 größer als im neoliberalen Zeitalter von 1994 bis 2007, wie den Eurostat-Daten für die Bundesrepublik Deutschland im Original und in meiner Bearbeitung zu entnehmen und wie es auch an den beiden von mir erstellten Grafiken (zum Vergrößern bitte klicken!) auf Basis der Eurostat-Daten zu erkennen ist.
So unschön diese anfängliche Konstellation aus Nachfragedefizit an Gütern und Erwerbslosigkeit auch war, hatte sie auch einen Vorteil: Mit dem Anstieg der Binnennachfrage war es möglich, Gütermärkte zunehmend zu räumen, dadurch Erwerbslosigkeit zu senken und auf diese Weise auch strukturpolitische Veränderungen im Zuge der Nachfrageerhöhung einzufordern. Ich sage: ‚einzufordern‘, weil nicht-neoklassisch geprägte Ökonomen und Politiker nicht nur in der Formulierung ihrer strukturpolitischen Forderungen bisweilen zu ungenau waren, sondern auch da, wo sie tatsächlich auf präzisere Art und Weise Veränderungen eingefordert hatte, die Realisierung durch die Regierungen stark zu wünschen übrigließ. Stichworte sind: unzureichender gemeinnütziger Wohnungsbau, unzureichender Klimaschutz, unzureichende Digitalisierung, unzureichender technischer Fortschritt, unzureichende Sorge-DL usw.
Dennoch bleibt festzuhalten,
„dass schon seit geraumer Zeit von Jahr zu Jahr mehr Menschen einer abhängigen Beschäftigung nachgehen. Der Arbeitskräftemangel rührt also nicht etwa daher, dass weniger Menschen arbeiten würden. Neben dem Anstieg der Beschäftigungsquote – vor allem von Frauen und Älteren – und der Zuwanderung wurde der Anstieg der Beschäftigung durch einen Rückgang der Arbeitslosigkeit ermöglicht.“ (IAB-Text zum Fachkräftemangel, siehe auch nachfolgende Grafik hieraus)
Herausforderungen für die Zukunft
In unserer heutigen Zeit ist die Konstellation jedoch anders, und das hat Auswirkungen auf die Zukunft. Es gibt keineswegs überall, wohl aber in manchen Branchen tatsächlich einen Nachfrageüberhang nach Gütern und einen Arbeitskräftemangel, und der Arbeitsmarkt ist auch insgesamt stärker geräumt als noch vor Jahren. Die Idee, durch Nachfrageerhöhung auf breiter Front das Güterangebot mitzureißen, verfängt daher nicht mehr. Nun ist es Aufgabe nicht-neoklassisch geprägter Ökonomen und Politiker, strukturpolitische Forderungen nach einer Ausdehnung des Angebots in spezifischen Bereichen anders als nur durch Nachfrageerhöhung auf breiter Front zu formulieren.
Möglich sind zwei Alternativen. Entweder es gelingt, durch hinreichend geschulte Migranten das der Nachfrage bisweilen hinterherhinkende Angebot auszudehnen, was jedoch nicht leicht ist, da die Integration von Migrierenden keineswegs gewiss ist, siehe meinen Text aus dem Jahre 2018, und bei hoffentlich erfolgreicher Integration der Migrierenden in den Arbeitsmarkt dann auch die Nachfrage selbst wieder anzieht. Oder es gelingt, Verwendungen und die ihnen entsprechenden Ausgaben zu priorisieren sowie Arbeitskräfte und Produktionsmittel von der einen in die andere Verwendung strukturpolitisch umzuschichten. Dass dies keine einfache Übung ist, liegt auf der Hand. Erforderlich ist nämlich eine gelingende Kombination aus Lohnanreizen, direkten industriepolitisch motivierten fiskalischen Impulsen und Investitionen, ordnungspolitischen Initiativen mit indirekten Steuern, Zertifikaten und Ordnungsrecht, Neu- und Umqualifizierungen sowie Mobilitätsanstrengungen von Arbeitskräften. Dass es sich bei dieser Kombination um ein schwieriges Erfordernis handelt, liegt auch daran, dass das Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen stark gesunken ist, wie einem IAB-Text zu diesem Thema sowie einer hieraus stammenden Grafik zu entnehmen ist.
An sich ist das gesunkene Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen gut, weil die Erwerbslosigkeit gesunken und die Kampfkraft der Lohnabhängigen hierdurch gestiegen ist. Das Problem, das damit einhergeht, besteht jedoch darin, dass Betriebe bei einem niedrigen Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen mehr Schwierigkeiten haben, unter sonst gleichen Bedingungen ihre offenen Stellen zu besetzen. Diese partielle Kombination aus Güternachfrageüberhang und Arbeitskräfteknappheit wird übrigens nicht dadurch dementiert, dass im Ganzen das reale BIP-Wachstum schwächelt und somit an anderer Stelle eine ebenso partielle Kombination aus Güternachfragedefizit und Arbeitskräfteüberangebot besteht.
Auf der Tagesordnung nicht-neoklassisch geprägter Ökonomen und Politiker steht also, dafür zu kämpfen, dass das wertbezogene reale Wachstum nach zwei Jahren der Schwäche wieder angekurbelt wird, ohne dass Stoffverbrauch und Emissionen steigen; dass die Ungleichverteilung sinkt und Löhne steigen; dass sinnvolle Priorisierungen vorgenommen werden; dass industriepolitische Umschichtungen bei Produktion und Beschäftigung gelingen und die gleichzeitig auftretenden Angebots- und Nachfrageüberhänge geglättet werden; dass technische Anforderungen und Produktivitätssteigerungen gelingen; dass der Sozialstaat zukunftsfest wird; dass bei Migration die Balance aus Machbarkeit und Humanität gelingt. Klar stellt all das alle Parteien sowie auch neoklassische geprägte Ökonomen und Politiker vor Herausforderungen, aber eben auch nicht-neoklassisch geprägte Ökonomen und Politiker.
Bildquelle: „Future“ by Nick Youngson, CC BY-SA 3.0, Pix4free, siehe auch hier.

