Die UEFA geht zurecht auf Konfrontationskurs gegen die Investorenpläne der FIFA um Infantino und lässt verlauten:
„In dem Moment, in dem externe Investoren Anteile an FIFA-Wettbewerben erwerben, wird sich der Fußball für immer verändern. Wirtschaftliche Renditen werden zu einer dauerhaften Verpflichtung. Erwartungen der Anleger schaffen täglich Druck. Ab diesem Moment wird jede Entscheidung – sei es über den internationalen Spielkalender, über Wettbewerbsformate oder über die Gestaltung der Zukunft des Fußballs – nicht mehr davon bestimmt, was das Beste für unseren Sport ist, sondern davon, was das Beste für die Anteilseigner ist.“
Man könnte glatt meinen, die UEFA sei nahe am Wasser gebaut und vergieße angesichts der FIFA-Pläne Tränen. Unter ihnen befinden sich allerdings auch Krokodilstränen. Denn wenn die UEFA zu den Investorenplänen sagt: „Dieses Modell hat im Weltfußball keinen Platz“, so spricht sie einfach die Unwahrheit.
Denn auf UEFA-Terrain hatten Großclubs eine auf Rendite ausgerichtete Super-League geplant. UEFA-Champions-League-Sieger wurde 25/26 PSG, ein Investorenkonstrukt par excellence (Qatar Sports Investments), angesichts dessen es wundert, dass manche FC-Fans mit PSG-Anhängern eine Freundschaft eingehen. Es unterlag PSG im Finale Arsenal, ebenfalls ein Investorenklub (Kroenke Sports & Entertainment). Auch der Sieger der UEFA-Europa-League, Aston Villa, gehört Investoren (NSWE).
Deutscher Meister wurde der FCB, der zu 25% (je zu einem Drittel) Adidas, Audi und Allianz gehört. Der BVB als Zweiter gehört zu 94,1% Streuinvestoren, auch wenn die Geschäftsführungs-GmbH als Komplementärin der KGaA zu 100% dem Verein gehört. Bayer 04 als krassestes Exempel gehört vollständig der Bayer AG, die ihrerseits vollständig Investoren gehört.
Ähnlich verhält es sich mit RB Leipzig, dessen Eigenkapital nahezu vollständig von der Red Bull GmbH gehalten wird, die zu 51% der Familie Yoovidhya und zu 49% der Familie Mateschitz gehört. Die Red Bull GmbH ist auch rechtlicher Eigentümer der New York Red Bulls und wirtschaftlich bestimmender Faktor von RB Salzburg. Geleitet wurde die Fußballabteilung von Red Bull bis vor Kurzem vom Selbstdarsteller Jürgen Klopp, der nun Bundestrainer wird.
Ich bin zwar Fußballromantiker, möchte aber auch nicht allzu romantisch werden. Mir ist nämlich klar, dass die ubiquitäre Verfügbarkeit des Fußballs auf allen Plattformen und Kanälen notwendigerweise Kommerzialisierung mit sich bringt. Da Fußball in einem kapitalistischen Umfeld stattfindet, liegt es nahe, dass Investoren für ihr eingesetztes Geld eine Vermehrung verlangen, denn das ist es, was Kapital kennzeichnet.
Das gilt bei allen Anlagen: bei der Beteiligung an privater, arbeitsteiliger kapitalistischer Produktion für den Warenverkauf (industrielles Kapital),1 aber auch bei Zurverfügungstellung von Geld (zinstragendes Kapital),2 mit dessen Hilfe industrielles Kapital seinen Anfang nehmen kann. Bei jedem Kauf von Objekten (Rohstoffe, Eigentumswohnungen usw.), die nicht für den Konsum gedacht sind, wird potenziell kapitalisiert (fiktives Kapital).3 Der Objektpreis ist der Rentenbarwert als abgezinste summierte Zukunftserwartung des durchschnittlichen Einzahlungsüberschusses.4
Die Frage ist also: Zu welchem Teil gelingt es, den Fußball im nicht kapitalisierten Bereich von Liebe und Leidenschaft zu halten, und zu welchem Teil konzediert man den Übertritt in die Welt des Kapitals?
Meine Empfehlung für die BRD: Bayer 04 und RB sollten aufgelöst und in mehrheitlich mitgliedergeführte Vereine überführt werden. Beim BVB sollten Geschäftsführung und Eigenkapitalbeteiligung synchronisiert werden. Bei allen anderen Konstruktionen sollte endlich 75+1 statt 50+1 gelten. Benachteiligte, da mitgliedergeführte Vereine ohne Investoren wie der 1. FC Köln oder Borussia Mönchengladbach sowie der SC Freiburg, Schalke 04 oder Mainz 05 gehören gestärkt.
Der DFB sollte als Vorbild voranschreiten und eine solche Regelung der UEFA empfehlen. Auch wenn die UEFA nicht folgt, sollte der DFB unter Inkaufnahme geringerer sportlicher Erfolge bei diesem Kurs bleiben. Und Infantino muss weg. Fazit: Es wird zwar nicht das ganze Geld aus dem Fußball verschwinden, aber ein erheblicher Teil der monetären Luft muss endlich entweichen.
- „Betrachten wir nun die Gesamtbewegung G – W … P … W‘ – G‘ […] Die beiden Formen, die der Kapitalwert innerhalb seiner Zirkulationsstadien annimmt, sind die von Geldkapital und Warenkapital; seine dem Produktionsstadium angehörige Form ist die von produktivem Kapital. Das Kapital, welches im Verlauf seines Gesamtkreislaufs diese Formen annimmt und wieder abstreift und in jeder die ihr entsprechende Funktion vollzieht, ist industrielles Kapital – industriell hier in dem Sinn, daß es jeden kapitalistisch betriebnen Produktionszweig umfaßt.“ (Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Zweiter Band, in: MEW 24, S. 56) ↩︎
- „Betrachten wir zunächst die eigentümliche Zirkulation des zinstragenden Kapitals. […] Der Ausgangspunkt ist das Geld, das A dem B vorschießt. […] In der Hand von B wird das Geld wirklich in Kapital verwandelt, macht die Bewegung G – W – G‘ durch und kehrt dann als G‘ zu A zurück, als G + ∆G, wo ∆G den Zins vorstellt. […] Die Bewegung ist also: G – G – W – G‘ – G‘.“ (Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, in: MEW 25, S. 352 f.) ↩︎
- „Die Bildung des fiktiven Kapitals nennt man kapitalisieren. Man kapitalisiert jede regelmäßig sich wiederholende Einnahme, indem man sie nach dem Durchschnittszinsfuß berechnet, als Ertrag, den ein Kapital, zu diesem Zinsfuß ausgeliehen, abwerfen wurde; z.B. wenn die jährliche Einnahme = 100 Pfd.St. und der Zinsfuß = 5%, so wären die 100 Pfd.St. der jährliche Zins von 2.000 Pfd.St., und diese 2.000 Pfd.St. gelten nun als der Kapitalwert des juristischen Eigentumstitels auf die 100 Pfd.St. jährlich. Für den, der diesen Eigentumstitel kauft, stellen die 100 Pfd.St. jährliche Einnahme dann in der Tat die Verzinsung seines angelegten Kapitals zu 5% vor. Aller Zusammenhang mit dem wirklichen Verwertungsprozeß des Kapitals geht so bis auf die letzte Spur verloren, und die Vorstellung vom Kapital als einem sich durch sich selbst verwertenden Automaten befestigt sich.“ (Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, in: MEW 25, S. 484) ↩︎
- Erwartet werde, dass ein Objekt in der Zukunft im Jahr eine Einzahlung von abwerfe und einer Auszahlung von bedürfe. Der erwartete Einzahlungsüberschuss im Jahr ist . Die Summe der erwarteten, je Jahr abzuzinsenden Einzahlungsüberschüsse ergibt den Objektpreis: . Operieren wir mit einem mittleren Wert der künftigen Einzahlungsüberschüsse, sodass eine jährlich konstante Rente erzielt wird, gilt: . Bei einer ewigen Rente lässt sich der Preis als Summe der jeweils diskontierten Rente wie folgt berechnen: . Man nennt den Rentenbarwert. ↩︎