Orlando und The Man Who Sold the World

Virgina Woolf stellt in „Orlando“, einem Roman, der sich im Untertitel als Biographie ausgibt, eine Person vor, die im Zuge einer zigfachen Metamorphose multiple Persönlichkeiten und Identitäten durchläuft und nicht weiß, wer sie eigentlich ist.

Ob der Roman ein Plädoyer für fluide Identitätswechsel ist oder aber ob die beschriebenen Identitätswechsel vielmehr dazu dienen, die Gattung der Literatur und damit auch die Untergattung der Biographie kritisch zu reflektieren, wissen wir wiederum nicht.

„Who knows? Not me“ sind auch Worte des lyrischen Ichs im Bowie-Song „The Man Who Sold the World“. Das lyrische Ich sucht wie die Figur Orlando nach seiner Identität und begegnet hierbei dialogisch seinem eigenen Alter Ego. Daher werden die Worte „Who knows? Not me“ auch nicht fortgesetzt durch die Worte „I never lost control“, sondern durch die Worte „We never lost control“.

Allzu sehr traut das lyrische Ich seinen eigenen Worten aber nicht, denn die Suche nach Identität, „form and land“ und die Schwankung zwischen Identitäten bewirken, dass das lyrische Ich seine Kontrolle temporär verliert und über den Dialog mit seinem Alter Ego den verwirrenden Satz sagt: „I gazed a gazely stare“, also: „Ich stierte mit starrem Starrblick“.

Dass manche Bowie-Exegeten das in den offiziellen Lyrics angegebene Adjektiv „gazely“, welches es im Englischen gar nicht gibt, so deuten, als würde es eigentlich „gazeless“ = „blicklos“ meinen, bringt auch nicht mehr Klarheit, denn auch „Ich stierte mit blicklosem Starrblick“ ist keine leicht verständliche Aussage.

Kurzum: Im Roman, im Song und in der Interpretation gibt es Fluidität und Unklarheit allenthalben. Und daher bedarf es auch keiner Erwähnung, dass wir nicht wissen, wer hinter „The Man Who Sold the World“ steckt.

Hier ist der Song in der Unplugged-Version von Nirvana; hier ist der Link auf den Bowie-Song, hier jener auf die Lyrics und hier jener auf den Roman „Orlando“.


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