Gary Numan: „Cars“

Ende der 70er Jahre wurden einerseits Rockbands wie die Rolling Stones mit dem Vorwurf konfrontiert, durch Beimischung von Nicht-Rock-Elementen wie Disco die eigentliche Rocklinie zu verlassen. Andererseits wurde Rockbands wie Pink Floyd vorgeworfen, mit ausgefeilten musikalischen Arrangements den Rock seiner rebellischen Elemente zu berauben.

Beide Vorwürfe teile ich nicht. Aber darum soll es hier nicht gehen. Erwähnt werden soll vielmehr, dass sich in Abgrenzung zum Rock eine Richtung namens New Wave entwickelte. Die Ironie der Geschichte: New Wave war weder frei von Beimischung noch durchgängig unausgefeilt noch konsequent rebellisch noch im Ganzen einheitlich.

Es entwickelten sich unter dem Label New Wave ganz unterschiedliche Richtungen. Auf der einen Seite der New Wave entstand der Punk der Sex Pistols, der zwar wenig musikalische Beimischung kannte und auch nicht ausgefeilt war, aber unter der Regie von Malcom McLaren Musik und Kunst verzahnte und das Spannungsverhältnis von Rebellion und Kommerz neu ausbalancierte. Auf der anderen Seite der New Wave entstanden Bands, die musikalische Beimischungen ausdrücklich wollten und z. B. unter dem Label Synth-Pop verschiedene Stile wie Rock, Pop und Elektro kombinierten.

Ein Pionier des Synth-Pop ist Gary Numan. Nachdem er seine Band Tubeway Army verlassen hatte, um als Soloartist aufzutreten, komponierte er 1979 für sein Debütalbum „The Pleasure Principle“ seinen Hit „Cars“. Anders als der Anspruch der Rockmusik, die Gesellschaft zu rocken und aufzumischen, thematisiert Numan in diesem Song das innere Erleben.

Im ersten Teil der Lyrics malt das lyrische Ich ein Bild von Kraft durch innere Einkehr. Denn es ist verliebt, setzt sich in ein Auto, schließt sich hierin ein und von der Gesellschaft ab. Das lyrische Ich kontempliert im Wagen, grübelt über sein Verliebtsein und behauptet, nur in Isolation und innerer Einkehr Eindrücke von seiner Geliebten empfangen und dieser zuhören zu können, um psychisch stabil bleiben zu können.

Im zweiten Teil der Lyrics fällt jedoch das Bild des lyrischen Ichs in sich zusammen. Es bittet seine Geliebte, ihn im Auto zu besuchen, wenn er die Tür öffnet, und somit seine Isolation zu beenden. Das lyrische Ich ist sogar bereit, das Auto zu verlassen und den Weg zurück in die Gesellschaft anzutreten – nicht weil es im Auto erkannt zu haben glaubt, dass es draußen doch OK sei, sondern obwohl es erkannt zu haben glaubt, dass es draußen nicht OK sei. Offenbar ist, so die Erkenntnis des lyrischen Ichs, Isolation auch keine taugliche Antwort auf Unzufriedenheit und Unglück.

Die Ästhetik des Videos ist gekennzeichnet durch Synthesizer statt Gitarren, durch Anzug und Reparaturmontur statt Jeans und Stiefel sowie durch strengen Blick statt emotionale Ekstase. Gebrochen wird die Kühle der sphärischen Synthesizerklänge durch das Stakkato von Drums, Tamburin und Händeklatschen.

„Cars“ ist ein tolles Lied, das wohl nicht zufällig aus England als sehr innovativem Land der Popmusik stammt.

Kommentar verfassen