„Tonight“

Eine drogenabhängige junge Frau läuft blau an und stirbt. Das lyrische Ich liebt die Sterbende und kniet vor dem Sterbebett nieder, um ihr letzte Worte zu sagen. So lautet der im Präteritum (Simple Past) gehaltene Prolog des lyrischen Ichs.

Danach werden die letzten Worte referiert. Alles und jeder werde heute Nacht in Ordnung sein: keine Bewegung, kein Schritt, kein Gespräch, kein Gedanke. Was bedeutet das? Entweder das lyrische Ich betäubt den Schmerz, indem es sich wie beim Pfeifen im Walde einbildet, alles werde gut sein. Oder es empfindet den Tod als Erlösung nach langem hoffnungslosem Kampf der Sterbenden.

Sodann spricht das lyrische Ich im Futur über seine Liebe zur nun in dritter Person benannten Toten. Er werde sie bis ans Lebensende lieben, und heute Nacht werde er sie im Himmel sehen. Die Rede ist nicht von Suizid, sondern von wiederkehrender Erinnerung an die Frau, auch wenn sie nicht mehr irdisch existiert.

Der Prolog des Liedes „Tonight“ von 1977 stammt nur von Iggy Pop, die übrigen Lyrics von Pop und David Bowie, Komposition und Produktion gehen auf Bowies Konto. Sieben Jahre später singt Bowie das Lied mit Tina Turner. Statt der von ihm kreierten düsteren Synthesizerwand sind fröhlicher Reggae und Calypso zu hören. Der Prolog entfällt, und aus der Elegie des Todes wird eine Eloge auf lebenslange Liebe – eine Metamorphose wie bei Ovid.

Beide Versionen sind sehr schön, aber tonight ist Iggy Pops besser.


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