Individuell, gesellschaftlich und privat bei Marx

Karl Marx hat im 7. Abschnitt des 24. Kapitels in Band I des Kapital einen weltberühmten Absatz formuliert:

„Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.“ (Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band I, in: MEW, Band 23, Berlin/DDR 1962, S. 11-802, hier S. 791)

Was aber meint Marx eigentlich mit den Ausdrücken „individuell“, „gesellschaftlich“ und „privat“, welchen Begriff macht er sich also von ihnen? Hier ist meine Deutung.

Ai)

Am Anfang war der Feudalismus. Er war geprägt durch individuelles, im Hinblick auf die Arbeitsschritte nicht entfremdetes Eigentum der Produzenten an ihren Arbeitsbedingungen, das jedoch durch persönliche Abhängigkeit gefesselt war. Konstitutiv war dabei die Dominanz von Nicht-Privatheit: Das Eigentum war gestuft zwischen Herrn und Bauern und in die Dorfgemeinde eingebunden, also nicht ausschließend. Die Arbeit war keine Privatarbeit für den Markt. Individualität und Nicht-Privatheit gehörten hier zusammen, und Nicht-Privatheit und persönliche Abhängigkeit waren zwei Seiten derselben Bindung. Technisch war die Produktion vereinzelt: Boden und Produktionsmittel waren zersplittert. Diese technische Vereinzelung war noch nicht privat, wohl aber die stoffliche Anlage, aus der schon im Feudalismus in ersten Anfängen das Privateigentum schrittweise, aber zunehmend hervorging. Ihren gesellschaftlichen Zusammenhang stiftete jedoch nicht der Markt, sondern die persönliche Abhängigkeit selbst. Die Arbeit war insofern unmittelbar gesellschaftlich.

Aii)

In der Auflösung des Feudalismus erreicht das individuelle Eigentum seine klassische Form: als freies Privateigentum der Kleinproduzenten an ihren selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen, des Bauern am Acker, des Handwerkers am Instrument. Erst hier wird die in Ai angelegte Privatheit eindeutig und umfassend: eindeutig, weil das Eigentum nicht mehr gestuft und gebunden ist, sondern ausschließend; umfassend, weil die Privatheit nicht nur das Eigentum ergreift, sondern auch die Arbeit selbst, die als Privatarbeit für den Markt produziert. Individuelles und privates Eigentum fallen hier zusammen. Mit der Auflösung des Feudalismus setzt die ursprüngliche Akkumulation ein, die Vorgeschichte des Kapitals.

Bi)

Im Kern der ursprünglichen Akkumulation, einer Akkumulation durch Expropriation, werden die Kleinproduzenten von ihren Produktionsmitteln getrennt. An die Stelle der persönlichen Abhängigkeit tritt der doppelt freie Lohnarbeiter, frei von persönlicher Abhängigkeit und frei von Produktionsmitteln. In der Trennung der Arbeitenden von ihren Produktionsmitteln drückt sich nicht individuelles, sondern privates Eigentum aus, also der Aspekt der Entfremdung. Das Kapital übernimmt zunächst den vorgefundenen Arbeitsprozess (formelle Subsumtion) und steigert den Mehrwert vor allem durch Verlängerung des Arbeitstags (absolute Mehrwertproduktion). Schon hier wird Mehrwert kapitalisiert, also im eigentlichen Sinne akkumuliert, und insofern findet bereits Konzentration im Einzelkapital statt, Zentralisation, also die Zusammenführung vorhandener Kapitale, im großen Stil dagegen noch nicht. Entfremdung, so schlimm sie auch sein mag, war jedenfalls in Westeuropa Voraussetzung für die Größenausdehnung der Produktion auf einzel- und gesamtwirtschaftlicher Ebene. Überwunden werden musste dafür die technische Vereinzelung der Kleinproduzenten.

Bii)

Mit der reellen Subsumtion, beginnend mit der Manufaktur und durchgesetzt mit der großen Industrie, wälzt das Kapital den Arbeitsprozess selbst um. Nun dominiert die relative Mehrwertproduktion, die die notwendige Arbeitszeit durch Steigerung der Produktivkraft verkürzt. Die Größenausdehnung, getragen von Konzentration und von Zentralisation als Kombination vorhandener Wertproduktion, ist innerhalb der Betriebe planmäßig organisiert und in der Kapitalform bereits gesellschaftlich, man denke an die AG! Zwischen den Betrieben herrscht dagegen eine historisch neue, gesellschaftliche Vereinzelung: die der konkurrierenden Kapitale. Ihre Arbeit ist private, erst über den Markt vermittelte Arbeit, und ihr Ertrag wird privat angeeignet. Die Trennung der Arbeitenden von ihren Produktionsmitteln und damit deren Privatheit bleibt erhalten.

C)

Die Gesellschaftlichkeit erstens der Größenausdehnung, zweitens der Kapitalform und drittens der Planmäßigkeit der Massenproduktion wäre Voraussetzung für eine vergesellschaftete Verfügung über sie. Diese stellt das individuelle Eigentum wieder her, nun aber auf Grundlage der Kooperation statt der Zersplitterung. Dabei agieren die Menschen, gerade weil Arbeit und Verfügung unmittelbar gesellschaftlich sind, wie im Feudalismus nicht privat und sodann wieder individuell, nun aber frei von persönlicher Abhängigkeit und eben deswegen nicht entfremdet.

Darauf lässt sich aufsetzen, weil im entwickelten Kapitalismus die Trennung der Arbeitenden von ihren Produktionsmitteln zwar auf die Spitze getrieben wird, indem ihnen die Maschinerie als fixes Kapital gegenübertritt. Zugleich scheint aber eine neue, nicht mehr ganz kapitalistische Form konkreter Arbeit und Produktion auf: Die Arbeitenden werden zu Wächtern und Regulatoren des Produktionsprozesses, und gesellschaftliches Wissen wird unmittelbare Produktivkraft. Gerade deshalb bedarf es eines anderen Maßes als der abstrakten Arbeitszeit. Man denke an die Grundrisse.

Tabellarische Darstellung

Um den kursorischen Text systematischer darzustellen, bietet sich eine Tabelle mit Spalten aufeinander folgender Produktions- und Betriebsweisen an, deren Zeilen verschiedene Aspekte in ihnen beschreiben. Die Tabelle lässt sich seitlich verschieben. Wer eine Gesamtansicht präferiert, kann die Tabelle als Bild öffnen.

Ein kurzer Hinweis: Eine Gesellschaftsformation kann sowohl mehrere Produktionsweisen als auch mehrere Betriebsweisen und Varianten innerhalb einer Produktionsweise umfassen.

Feudalismus Kapitalismus in seinem Fortgang, einschließlich seiner im Spät­feudalismus beginnenden Vorgeschichte Möglicher Übergang zu einer nach­kapitalistischen, womöglich sozialistisch zu nennenden Form
Ursprüngliche Akkumulation
Dimension Ai: Feudalismus Aii: Auflösung des Feudalismus Bi: Expropriation; formelle Subsumtion Bii: Reelle Subsumtion C: Vergesell­schaftete Verfügung
Einbindung in Gemein­schaften gesellschaftlich: Grundherrschaft, Dorfgemeinde, Allmende privat: feudale Bindungen gelöst privat: doppelt freie Einzelne, Vertrag privat: Marktsubjekte gesellschaftlich: Assoziation freier Individuen
Abhängigkeit persönlich, insofern gesellschaftlich, aber unfrei weitgehend frei; eher individuell unpersönlich, sachlich vermittelt; privat unpersönlich, durch Maschinerie verschärft; privat weder persönlich noch sachlich; individuell und gesellschaftlich
Vermittlung unmittelbar gesellschaftlich über persönliche Bindung zunehmend privat über den Markt privat über den Markt privat über den Markt zwischen den Betrieben unmittelbar gesellschaftlich, bewusst
Zersplitterung der Teil­produktionen zersplittert; individuell, Anlage zum Privaten zersplittert; individuell und privat Klein­produktion in Auflösung im Betrieb aufgehoben, als Vereinzelung der Kapitale privat wiederkehrend aufgehoben; gesellschaftlich
Kooperation im Produktions­prozess gering, haushalts­bezogen; individuell gering, Werkstatt; individuell einfache Kooperation beginnt; gesellschaftlich, aber privat kommandiert Manufaktur und Fabrik; gesellschaftlich, despotisch geleitet entfaltet und assoziiert; gesellschaftlich und individuell
Kapitalform – – Einzel­kapital; privat Einzel- und Aktien­kapital; privat, in der AG bereits gesellschaftlich aufgehoben; gesellschaftlich
Größen­ausdehnung klein, naturwüchsig begrenzt klein beginnende Konzen­tration (Akkumulation im Einzel­kapital) Konzen­tration (Akkumulation im Einzel­kapital) und Zentrali­sation (Zusammenschluss von Kapitalen, v. a. über Kredit und AG); gesellschaftliche Produktion groß, beibehalten; gesellschaftlich
Planmäßige Organisation naturwüchsig-traditional (Flurzwang); gesellschaftlich, nicht bewusst im Klein­betrieb individuell im Betrieb beginnend, zwischen Betrieben Anarchie im Betrieb planmäßig, zwischen Betrieben Anarchie; privat gesamt­gesellschaftlich bewusst; gesellschaftlich
Stellung zum Produktions­mittel im Produktions­prozess Einheit mit eigenem Gerät, gebundener Besitz; individuell Einheit, „Virtuose am Instrument“; individuell und privat getrennt, Werkzeug noch selbst gehandhabt; fremdes, privates Eigentum getrennt, Anhängsel der Maschine, dann Wächter und Regulator; privat, gesellschaftlich aufscheinend Einheit auf gesellschaftlicher Stufe wiederhergestellt; individuell und gesellschaftlich
Gesamt­charakter individuell, nicht privat, gesellschaftlich in Abhängigkeit individuell und privat privat, nicht individuell privat; Produktion gesellschaftlich, Aneignung privat individuell und gesellschaftlich, nicht privat

PS: Das Beitragsbild lässt sich hier in größerer Auflösung betrachten.

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