Bowies „Heroes“ auf den Pfaden von Rimbauds „Royauté“

 

Auf dem Weg in die preußische Hauptstadt Berlin habe ich nach vielen Jahren soeben erstmalig wieder das Bowie-Album „Let‘s Dance“ von 1983 in Gänze gehört.

Mein Fazit: Klar, es gibt auch ein paar belanglose Stücke, aber „Modern Love“, „China Girl“, „Let‘s Dance“ und „Cat People“ sind wirklich vier herausragende Nummern, auch wenn ich Bowies „China Girl“-Version von 1977 auf dem Iggy-Pop-Album „The Idiot“ ebenso großartig finde.

Apropos 70er: Die damalige Bowie-Pop-Wohngegend in Berlin werde ich mir nochmals mit Blick auf Popinspirationen anschauen, denn immerhin entstanden drei Alben in Bowies Berliner Periode.

Das bekannteste Lied dieser Zeit ist vermutlich „Heroes“ vom gleichnamigen Bowie-Album aus dem Jahre 1977. Es ist fantastisch und durch den Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kräftig gepusht worden. Eine schöne Strophe im Lied lautet:

I, I will be king.

And you, you will be queen.

Though nothing will drive them away,

We can be Heroes, just for one day,

We can be us, just for one day.

Von welcher Seite soll man das betrachten? Von der Seite der Unmöglichkeit längerer Faszination und somit der Traurigkeit, dass der schöne, heroische Tag nicht verlängert wird? Oder von der Seite der Gewissheit, dass wenigstens dieser eine Tag etwas ganz Besonderes war und immer in der Erinnerung schön bleiben wird? Das ist den Lesenden überlassen.

Pate für diese schöne Strophe stand Arthur Rimbauds Gedicht „Royauté“ aus dessen Gedichtband „Illuminations“. Rimbaud, der mit seinem Gedicht „Das trunkene Schiff“ Weltruhm erlangte und dessen Beziehung zu Paul Verlaine bis heute Literaturhistoriker beschäftigt, schrieb in „Royauté“ = „Königreich“:

Un beau matin, chez un peuple fort doux, un homme et une femme superbes criaient sur la place publique : «Mes amis, je veux qu’elle soit reine!» «Je veux être reine!» Elle riait et tremblait. Il parlait aux amis de révélation, d’épreuve terminée. Ils se pâmaient l’un contre l’autre.

En effet ils furent rois toute une matinée, où les tentures carminées se relevèrent sur les maisons, et toute l’après-midi, où ils s’avancèrent du côté des jardins de palmes.

Ich übersetze diesen Text selbst:

Eines schönen Morgens verkündeten, inmitten einer sehr sanften Menschenmenge, ein Mann und eine Frau von Pracht auf dem öffentlichen Platz: „Meine Freunde, ich will, dass sie Königin ist!“ — „Ich will Königin sein!“ Sie lachte und zitterte. Er sprach mit den Freunden von Offenbarung, von abgeschlossener Prüfung. Sie schmolzen dahin voreinander.

Tatsächlich waren sie den ganzen Vormittag lang ein Königpaar, als die karminroten Vorhänge an den Häusern hochgezogen wurden, und den ganzen Nachmittag lang, als sie auf die Seite der Palmengärten hinübergingen.

Schön, schön ironisch oder schön traurig?


Hier Bowies Lyrics:

https://genius.com/David-bowie-heroes-lyrics

Hier Rimbauds Gedicht:

https://fr.wikisource.org/wiki/Page:Rimbaud_-_Les_Illuminations,_1886.djvu/29

Bildquelle:

Graffiti of David Bowie at Gordon Street | Foto von: Talmoryair

Und hier das Video:

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