The Smiths: „Some Girls Are Bigger Than Others

Nachdem ich zuletzt etwas zu Existenz und Essenz sowie zur Geldpolitik der EZB verfasst und zudem einige Kurztrip-Impressionen aus Stuttgart präsentiert habe, widme ich mich heute wieder der Popmusik, nämlich dem Smiths-Lied „Some Girls Are Bigger Than Others“.

An anderer Stelle habe ich es schon einmal geschrieben: Morrissey ist ein spleeniger und gerade deswegen auch genialer Liedtexter. Dies zeigt sich auch im Smiths-Lied „Some Girls Are Bigger Than Others“, in dessen Text sich vier Elemente zu einem famosen Ganzen zusammenfügen: eine anthropologische These, eine sexuelle These, eine romantische These und eine große Portion an Witz und Kreativität.

Das lyrische Ich des Liedes behauptet, Männer verhielten sich über verschiedene Zeitalter hinweg anthropologisch konstant, da sie stets ein hohes sexuelles Interesse an weiblichen Körperformen und daran hätten, Frauen anhand dieser Formen zu vergleichen. Von daher rührt die berühmte Sentenz „Some girls are bigger than others“, die zur Untermauerung der anthropologischen These ergänzt wird um die Phrase „Some girls‘ mothers are bigger than other girls‘ mothers“. Ob es sich also um zeitgenössische Mädchen oder um deren Mütter handelt: Alle, so das lyrische Ich, seien schon einmal Objekt männlicher Vergleichung geworden.

Morrisseys Formulierungskunst zeigt sich an der Spannung, die daraus entsteht, dass das lyrische Ich auf der einen Seite die These einer anthropologischen Konstanz aufstellt, auf der anderen Seite aber mit den Worten „I have just discovered“ = „Ich habe soeben entdeckt“ trotz der Konstanz den Eindruck vermittelt, zu dieser Erkenntnis ganz plötzlich und erst soeben im Heureka-Stil von Archimedes von Syrakus gelangt zu sein.

Auch die These eines Zeitalter übergreifenden Verhaltensmusters wird in witziger Art und Weise präsentiert: Genannt wird nämlich nur ein überliefertes geologisches Zeitalter: „the ice-age“, die Eiszeit. Das andere genannte Zeitalter, „the dole-age“, entstammt jedoch gar nicht der historischen Geologie, sondern ist eine Wortschöpfung von Morrissey. „dole“ ist die britische Slangbezeichnung für Arbeitslosengeld, und „the dole-age“ ist mithin das Zeitalter der 80er Jahre, in denen viele Erwerbspersonen unter Arbeitslosigkeit litten.

Ein weiterer Beleg für Morrisseys Ausdrucksfähigkeit: Die These, dass Männer Frauen stets der Form nach vergleichen würden, stützt das lyrische Ich durch einen Ausflug in die Geschichte großer Personen. Selbst Marcus Antonius, der berühmte römische Feldherr und Triumvir, der heillos der ägyptischen Königin Kleopatra mit all ihrer Ausstrahlung und Verführungskunst verfallen war, habe schlussendlich doch gerne eine Kiste Bier geöffnet und den üblichen Spruch der Männer vorgetragen: „Einige Mädels sind größer als andere„.

In der hier vorgestellten Live-Version des Liedes fügt Morrissey dem Originaltext eine witzige Strophe hinzu, die sich auf dem Studioalbum nicht findet. In ihr sagt das lyrische Ich: „On the shop floor, / There’s a calendar / As obvious as snow, / As if we didn’t know: / Some girls are bigger than others.“ Also: „In der Werkstatt liegt ein Pin-Up-Kalender, der so offensichtlich ist wie Schnee, als ob wir das nicht ohnehin wüssten: Einige Mädels sind größer als andere.“

Doch Morrisseys Kreativität erweist sich darin, dass er die These des strikt sexuell orientierten männlichen Verhaltensmusters mit einer diametral entgegengesetzten These konfrontiert. Sie lautet: In Wahrheit könne ein Mann eben doch romantisch sein. Hierfür steht einerseits der zitierte Marcus Antonius, dessen leidenschaftliche Romanze mit Kleopatra derart legendär ist, dass sie von Shakespeare in der Tragödie „Antony and Cleopatra“ aufgegriffen wurde. Hierfür steht anderseits das lyrische Ich, das gegen Ende des Liedes Worte aus dem romantischen Hank-Locklin-Country-Song „Send Me the Pillow You Dream On“ zitiert, leicht modifiziert und ergänzt: „Schick’ mir das Kopfkissen, dasjenige, auf dem du träumst, und ich werd’ dir meins schicken!“

Ob Morrissey davon ausgeht, dass nur manche Männer romantisch seien oder aber gemäß einer anthropologischen Konstante alle Männer, bleibt der Interpretation der Hörerinnen und Hörer überlassen. Auch worauf sich das Adjektiv „big“ bezieht, muss jeder Hörer selbst entscheiden: Brüste, Hintern, Gewicht oder was auch immer.

Morrissey hat mit wenigen Worten einen schönen Text gezaubert, der verschiedene Züge von Männlichkeit gut zum Ausdruck bringt: einerseits durch Biologie und Sozialisation geprägte sexuelle Orientierung, andererseits aber auch die Fähigkeit zur Romantik, die durch dieselben Einflüsse entstanden ist.

Nicht vergessen werden darf, dass der Glanz dieses Liedes, das 1985 auf dem Album „The Queen Is Dead“ von The Smiths erschienen ist, maßgeblich auch auf der musikalischen Komposition von Johnny Marr beruht.

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