Bertolt Brechts Text „Lob des Kommunismus“ wurde wohl in den 30ern geschrieben. Hanns Eisler komponierte dazu die Musik. Ernst Busch rezitierte den Text zu Eislers Musik und trug zur Bekanntheit des Textes erheblich bei. Einiges am Text ist problematisch. „Kommunismus“ meint im Text vermutlich nicht Parteikommunismus, aber dies bleibt unklar. Kapitalismus wird im Text nicht als dysfunktionale, inegalitäre und krisenhafte gesellschaftliche Struktur, sondern schieferweise als dummes, chaotisches und schmutziges Verbrechen bezeichnet.
Interessant fand ich allerdings immer diese Passage zum Kommunismus:
„Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist.“
Was meint „das Einfache“ in dieser Zeile? Ich vermute, es handelt sich um eine Referenz an ein Marx-Zitat aus dem Abschnitt „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ im „Kapital“, Erster Band:
„Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“ (Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, in: MEW 23, S. 93)
Marx skizziert hier den Umriss einer nachkapitalistischen Gesellschaft und nennt ihn „Verein freier Menschen“ (ebd., S. 93) Die Gesellschaftlichkeit der freien Produktionsweise basiere, so Marx, weniger als bisher auf Tausch und stärker auf expliziter gesellschaftlicher Steuerung, wobei der Arbeitszeit eine wichtige regulatorische Rolle zukomme:
„Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“ (Ebd., S. 93)
Warum ist das Einfache schwer zu machen? Gewiss gibt es Probleme der Durchsetzbarkeit, aber größer sind solche der Umsetzbarkeit. Dass Menschen nichtkapitalistische Strukturen nicht anstreben, liegt auch daran, dass deren Möglichkeit schwer erkannt wird. Inwiefern? Gesellschaftlichkeit menschlicher Arbeit existiert zwar im Kapitalismus, basiert aber auf sachlicher Tauschvermittlung.
„Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches.“
„Erscheinen“ heißt nicht, dass etwas einen Anschein hat, obwohl es eigentlich anders ist. „Erscheinen“ heißt, dass Menschen wahrnehmen, was tatsächlich der Fall ist:
„Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“
Da Gesellschaftlichkeit der Arbeit über Tausch vermittelt wird, existiert und erscheint ihre Sachlichkeit, während Gesellschaftlichkeit der Arbeit selbst existiert, ohne zu erscheinen. Sie wird nicht offensichtlich, da es indirekte, tauschvermittelte Gesellschaftlichkeit ist. Da den Menschen die Gesellschaftlichkeit ihrer Arbeit nicht erscheint, sehen sie nicht die Möglichkeit menschlich-gesellschaftlicher Regulierung, sondern unterstellen natürliche Konstanz der gesellschaftlichen Verhältnisse der Arbeit (Fetisch), obwohl diese zwar sachlich vermittelt, aber letztlich doch menschengemacht sind.
Dazu kommen Mystifikationen: Indem der Lohn in seiner Form als Stundenlohn nicht als Bezahlung des Werts der Arbeitskraft, sondern als jene des ‚Werts der Arbeit‘ aufgefasst wird, erscheint alle Arbeit mystifiziert als bezahlte Arbeit: Lohn wird dann als Vergütung der Arbeit angesehen, Profit, Zinsen und Dividenden als Vergütung der ‚tätigen‘ Produktionsmittel (Kapital), Miete als Vergütung des ‚tätigen‘ Bodens. Dies geschieht, obwohl die durch die Arbeitskräfte verrichtete Arbeit Werte schöpft, aus denen gezahlt werden: Lohn und Gehalt für die Arbeitskräfte sowie Unternehmerlohn für arbeitende Unternehmer; Mieten für die Bereitsteller von Boden; Zinsen für die Geldverleiher; Dividenden für die Eigentümer der Produktionsmittel. Man lese den Abschnitt „Die trinitarische Formel“ im „Kapital“, Dritter Band (Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, in: MEW 25, S. 822-839).
Es gibt also Naturalisierungen gesellschaftlicher Verhältnisse (Fetischismus) und notwendig falsche Bewusstseinsformen (Mystifikationen). Fetischismus und Mystifikationen führen aber nicht zu unentrinnbarer Verblendung. Man kann und muss sie mit Erfahrung und Selbstreflexion durchbrechen. Das Problem ist eher Um- als Durchsetzung. Umsetzung mit Selbstreflexion braucht Zeit und ist nicht durch einen Sturm aufs Winterpalais zu ersetzen, der auf der falschen Idee basiert, es seien böse Verbrecher, die das Gute verhindern, gegen die man sich durchsetzen müsse. Die zeitintensive Umsetzung eines Vereins freier Menschen, der die Gesellschaftlichkeit der Arbeit nicht nur sachlichem Tausch überantwortet und durchsichtig einfache Strukturen auch mit direkter Gesellschaftsintervention schafft, ist schwer zu machen.
Hinzu kommt, dass das Vorhaben gesellschaftlich direkt regulierter Durchsichtigkeit und Einfachheit anstelle nur gesellschaftlich indirekt regulierter, sachlicher Intransparenz und Verwickelung auf Probleme stößt: Welches Maß für die Allokation und Distribution gibt es? Reichen nur Arbeits(zeit)quanten? Was ist mit Knappheiten, was mit individuellen Präferenzen, wie werden individuelle Differenzen kollektiv austariert, welche Preise und Signale gibt es ohne Märkte? Das sind schwierige Probleme. Eine gesellschaftlich regulierte, transparente und somit einfache Produktionsweise vermeidet zwar Fetischismus und Mystifikationen, ist aber dennoch eine komplexe Aufgabe, deren Lösungsvektor nicht leicht zu finden ist. Brecht, der in der ersten Zeile sagt: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht“, dürfte dies unterschätzt haben. Ein Verein freier Menschen wird nicht darum herumkommen, gesellschaftliche Steuerung und Marktregulierung zusammen zu denken und große Teile der Gesellschaft einzubinden.
Eine gesellschaftliche Linke, die a) keine eigenen Konzeptionen für gesellschaftliche Steuerungen entwickelt, sondern sich zu sehr auf Kämpfe kapriziert, die b) die Probleme der Umsetzung durch Fetischismus, Mystifikation, strukturelle Präformation des Handelns unterschätzt und zu sehr den Kategorien der Durchsetzung frönt, die c) Markt und Intervention zu sehr gegeneinander konzipiert, statt sie zu integrieren, und d) die notwendige Beteiligung nicht-linker Teile der Gesellschaft in ihren Vorhaben zu sehr ignoriert, wird zurecht scheitern.
Ich habe in der Vergangenheit drei Präsentationen zu dieser Frage erstellt: die erste eine etwas ausführlichere Befassung mit Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie, die zweite eine gekürzte Befassung hiermit, die dritte eine Befassung mit der Frage „Was ist links, was der Staat?“.