Gegen den paraguayischen Defensivbus hat sich die französische Elf im Achtelfinale mit 1:0 durchgesetzt. Anders als Deutschland, das an diesem Bus im Sechzehntelfinale gescheitert war, ist es der Équipe de France also gelungen, ihn zu bezwingen. Dies hat Gründe.
Fünf Gründe
Erstens: Die summierte individuelle Klasse der französischen Elf ist höher als jene der deutschen Mannschaft. Man denke nur an Mbappé, Dembélé, Olise, Doué und Barcola.
Zweitens: Der französische Coach Didier Deschamps hat im Spiel stärker als der deutsche Trainer Julian Nagelsmann darauf gedrängt, zeitweise Teile der Abwehr aufzulösen. Bei der französischen Elf war nur Upamecano die Letztabsicherung, bei der deutschen Mannschaft war es stets ein Duo aus Tah und Rüdiger.
Drittens: Deschamps hat der französischen Elf den Auftrag gegeben, ins Risiko zu gehen. Barcola, Olise, Mbappé, Dembélé und Doué haben Dribblings versucht. Dies gelang zwar nicht häufig, aber in einem entscheidenden Moment eben doch, als Doué im Strafraum gefoult wurde, sodass Mbappé einen Elfmeter für die Franzosen verwandeln konnte. Nagelsmann hat dieses Risiko gescheut, indem er Wirtz, Musiala und Sané von Dribblings abgehalten hat. Außerdem hatte er den FC-Spieler El Mala nicht nominiert, der ein genau solcher Risikospieler hätte sein können.
Viertens: Deschamps hat auf den Sechserpositionen bessere Spieler agieren lassen als Nagelsmann. Bei den Franzosen spielten die spielerisch guten Rabiot und Koné, wohingegen im deutschen Team die spielerisch limitierten Pavlović und Nmecha agierten.
Fünftens: Auch Weitschüsse verordnete Deschamps seiner Elf häufiger, als es beim deutschen Team unter Nagelsmann der Fall war.
Vier kurze Bemerkungen
Die erste Anmerkung thematisiert den Spielstil der Paraguayer. Dass Paraguay als personell unterlegenes Team sein Heil in Defensive und Kampfgeist sucht, ist verständlich. Aber etwas offensiver darf die Spielausrichtung schon sein, und im Foulspiel wurden die Grenzen der Toleranz oft überschritten. Schade!
Die zweite Anmerkung betrifft Didier Deschamps. Er wurde in der Vergangenheit kritisiert – zu Recht. Denn oft ließ er früher defensivorientierten Fußball ohne Kreativität spielen. Dies ist jedoch bei dieser WM anders: Les Bleus spielen fantastischen Offensivfußball. Dies liegt auch an den Spielern, etwa an der Genialität von Olise und der Leistungsexplosion von Dembélé; es ist aber auch dem Taktikwechsel von Deschamps geschuldet. Bravo!
Die dritte Anmerkung gilt Jürgen Klopp, der wohl der neue Bundestrainer wird. Er stand in seiner Dortmunder Vergangenheit nicht für spielerisch eleganten Ballbesitzfußball mit Dribblings, sondern für Pressing, Gegenpressing und Umschaltspiel. Es ist zu hoffen, dass die deutsche Elf nicht auf diesen Weg einschwenkt. Leider sind die deutschen Fußballfans hier anders eingestellt als die niederländischen, die den wegen des WM-Ausscheidens just zurückgetretenen Bondscoach Ronald Koeman für seinen defensiven Ansatz kritisierten.
Die vierte Anmerkung gilt der G-Frage: Der Brasilianer Pelé war in den 50ern/60ern der beste Spieler der Welt. In den 60ern/70ern dominierten der Niederländer Johan Cruijff und der Deutsche Franz Beckenbauer. In den 80ern/90ern stand der Argentinier Diego Maradona an der Spitze. In den 90ern/00ern grüßte der Brasilianer Ronaldo vom Gipfel. Seit den 00ern bis heute ist der Argentinier Lionel Messi der Beste. Messi ist aber mehr. Er ist the greatest of all time: der GOAT. Wenn ihm zwei Spieler doch noch diesen Rang streitig machen könnten, sind es der fantastische Franzose Kylian Mbappé und der brillante Spanier Lamine Yamal.