Wie kam es eigentlich zur Bankenkrise?

Nachfolgender Artikel wurde im Jahre 2009 von Hans Lawitzke und Alexander Recht für das sogenannte SoFoR-Info des Sozialistischen Forums Rheinland verfasst. Er befasst sich in einer kurzen Form eines Überblicks ohne Eingang auf Details und ohne Anspruch auf Tiefe mit den Ursachen von Immobilien- und Bankenkrise.

Der Bankensektor, der von sich behauptet, Garant von Stabilität und Zuverlässigkeit zu sein, befindet sich in einer schweren Krise. Statt Stabilität herrscht Angst. Dies betrifft nicht nur unbedeutende Außenseiter: Finanzielle Schwergewichte wie die Deutsche Bank klagen über Schwierigkeiten; und selbst Landesbanken und Sparkassen, die durch staatliche Trägerschaft besser gesichert sind, stehen wegen Liquiditätsengpässen vor großen Problemen.

Die Probleme sind so groß, dass DB-Chef Ackermann zugesteht, dass der kapitalistisch strukturierte Markt allein nicht in der Lage ist, für Stabilität zu sorgen. Überdies droht die Finanzkrise auf die Realwirtschaft überzuschwappen. All dies ruft nach einer Erklärung. Wie konnte es dazu kommen? Es handelt sich dabei um ein Drama in vier Akten.

Akt 1: Prosperierender Immobilienmarkt

Mitte der 90er begann die Nachfrage nach Immobilien zu steigen. Die Folge: Die Immobilienpreise zogen an, was eine ganz normale Reaktion darstellt. Hätte es sich nur um Kaufinteressierte gehandelt, die Immobilien zum Bewohnen kaufen wollen, hätten die steigenden Preise dafür gesorgt, dass die Nachfrage nach Immobilien wieder sinkt.

Aber auf dem Immobilienmarkt sind auch Banken und Fonds tätig, die zum Zwecke der Renditeerwirtschaftung kaufen. Immobilien werden nicht nur nachgefragt und per Kredit finanziert, um einen Wohnwunsch zu realisieren. Sie werden auch nachgefragt, weil manche Käufer durch steigende Immobilienpreise eine Rendite erhoffen, die über dem Zinssatz für den aufgenommenen Kredit liegt.

Das trat in den USA ein. Die Erwartung, dass die gestiegenen Preise noch weiter steigen, machte den Kauf von Immobilien attraktiv, insbesondere da die Preissteigerung für Immobilien deutlich über dem Zinssatz für Kredite lag. Die Folge: Wegen gestiegener Preise stieg einerseits das Angebot an gebauten Immobilien. Andererseits stieg wegen niedriger Zinssätze und Wertsteigerungshoffnungen die Nachfrage. Da die zusätzliche Nachfrage dem Angebot zunächst immer ein paar Schritte vorauseilte, zogen die Immobilienpreise weiter an und schaukelten die beschriebene Tendenz hoch.

Akt 2: Der Vermögenseffekt

Steigende Vermögenswerte veranlassten erstens die Eigentümer, mehr zu konsumieren, als sie sich ihrem Einkommen entsprechend eigentlich leisten konnten, indem sie sich permanent neu verschuldeten und mit den neuen Schulden die alten beglichen und zudem den Konsum erhöhten. Diese Verschuldung wurde möglich, weil die steigenden Vermögenswerte von den kreditvergebenden Banken als höhere Sicherheit akzeptiert wurden. Zweitens bewirkte steigender Konsum ein Wachstum der Gesamtwirtschaft. Drittens ermöglichten steigende Vermögenswerte – wieder als Sicherheiten – kreditfinanzierte Geldanlagen, aus denen Renditen über dem Verschuldungszinssatz erwartetet wurden. Es entstand ein Boom, weil nicht nur die Nachfrage stieg, sondern auch das Angebot und die Geldanlagen.

Im kapitalistischen System besteht jedoch kein festes oder gar geplantes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Konsum und Investition, zwischen Investitionen und Kapazitätsauslastung, zwischen realen Investitionen und Finanzinvestitionen. Die Größen können auseinanderdriften und einen Boom zustande bringen, der sich als Blase erweisen kann.

Akt 3: Verbriefung von Ansprüchen

Bis weit in die 80er Jahre hinein verlief das Kreditgeschäft traditionell. Wer einen Kredit brauchte, ging zur Hausbank und erhielt diesen, wenn Sicherheiten vorhanden waren und wegen guter Bonität Aussicht darauf bestand, dass Tilgung und Zinszahlung gelingen. Anders im 21. Jahrhundert: Um ihr Geschäft über die eigenen Geldmittel hinaus ausdehnen zu können, verkauften die Banken ihre Kreditansprüche gegenüber Schuldnern in Paketen an große Fonds. Um diese Kreditansprüche kaufen zu können, refinanzierten sich diese Fonds bei anderen Banken durch Ausgabe kurzfristiger Wertpapiere, für die sie Finanzmittel erhielten.

Und weil so viel Geld auf den Weltkapitalmärkten nach rentablen Anlagemöglichkeiten „sucht“ und die beteiligten Banken ein riesigen Ertrag aus diesem Geschäft hatten, vergaben sie zunehmend auch Kredite an Käufer von Immobilien, deren Bonität nicht exzellent war.

Fonds kauften Ansprüche mit langer Frist und refinanzierten sich über viele Anleger, die den Fonds Gelder kurzfristig zur Verfügung stellen, indem sie Wertpapiere der Fonds mit kurzer Laufzeit, sogenannte commercial papers, kauften. Damit kam es zu weiteren Verhältnissen zwischen Größen, die auseinanderdriften können, und zwar zwischen Anlagen mit kurzer und langer Frist sowie zwischen Krediten mit höherem Wert und Wertpapieren in großer Anzahl mit kleinerem Wert.

Akt 4: Platzende Blase

Da das Angebot an Immobilien ab gewisser Zeit doch schneller stieg als die Nachfrage, mussten die Immobilienpreise irgendwann sinken. Daraus folgte, dass die Möglichkeit von Schuldnern, durch neue Kredite die alten Kredite zu bedienen und überdies den Konsum anzukurbeln, nicht mehr bestand. Überschuldungsprobleme entstanden, Schuldner gingen pleite. Die Nachfrage nach Immobilien sank weiter, die Preise kamen noch stärker unter Druck.

Wegen des nun abschwächenden Konsums sank die Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft. Rückgang von Konsum und Investitionen sowie unausgelastete Kapazitäten führten zu sinkenden Profitraten der Unternehmen. Die schlechten Nachrichten machen die Runde. Die Anleger wurden vorsichtig und neigten nun eher zur Hortung statt Anlage von Geld.

Was hieß das für die besagten Fonds? Sie wurden von zweierlei Seiten eingequetscht. Die Forderungen aus Immobilienkrediten verfielen wegen Insolvenzen der Schuldner. Und manche der potentiellen Geldgeber der Fonds kauften keine commercial papers mehr. Die Fonds gerieten unter Liquiditätsdruck und drohten Pleite zu gehen. Dummerweise haben einige Banken, darunter sogar öffentliche, sich an solchen Fonds in hohem Umfang beteiligt. Da solche Fonds pleite gingen, verfielen auch die Anlagen der Geld gebenden öffentlichen Banken im Wert. Der Schaden wird zurzeit auf über 900 Mrd. US-Dollar geschätzt.

Die Banken gerieten selber in Liquiditätsschwierigkeiten und verliehen weniger Geld. Leihbares Geld wurde knapp, der Zinssatz stieg. Dies bewirkte wegen grassierender Angst vor Verlust der angelegten Mittel nicht ein Mehr an Kreditvergabe, sondern einen weiteren Rückgang realer Investitionen. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bekommt einen entsprechenden Dämpfer. Ob dieser Dämpfer eine neue Rezession oder gar eine depressive Krise der Weltwirtschaft auslösen wird, hängt auch davon ab, „ob’s das jetzt war“ oder die Krise auch nach Europa schwappt, wo etwa der englische Immobilienmarkt ähnlich überhitzt ist.

Fazit: Schuldner, Gläubiger, Immobilienbanken, anlegende Banken wie auch Fonds – alle sind von Gefahren bedroht, und diese Krise droht auf die reale Ökonomie überzuspringen, da Zurückhaltung bei Konsum und Investition droht. Die Folge kann nur sein: Die Finanzaufsicht gilt es zu stärken, die einzelnen Märkte (hier vor allem die für Geld, Anlagetitel und Immobilien) gilt es besser zu steuern, und der Bankensektor gehört deutlich stärker als bisher in öffentliche Hände, die das Geld für sinnvolle Kredite verwenden, statt sich in spekulativen Aktivitäten zu versuchen.

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