Rezension zu Zack Snyders „Man of Steel“

Der Stählerne aus Krypton wird in Zack Snyders Film als Kind von seinen Eltern per Kapsel auf die Erde geschickt, um als Erwachsener mit überirdischen Kräften auf Erden eine friedliche Koexistenz zwischen autochthonen Menschen und dorthin migrierenden Kryptoniern zu garantieren, die ihres Planeten durch eine Explosion verlustig gegangen sind.

Der Weg vom Kind hin zum Mann gestaltet sich alles andere als leicht. Dem stählernen Kind, dem der Grund für seine Eigenheiten unbekannt ist, wird die Fähigkeit zur immensen Sinneswahrnehmung zur Last der Reizüberflutung. Seine überbordende Kraft nicht in unkontrollierte Gewalttätigkeit abgleiten zu lassen, verlangt dem jungen Stählernen eine disziplinierte, in sich gekehrte Haltung ab, die von seinen Mitmenschen als Nerdigkeit und Autismus gedeutet und für die er gehänselt wird.

Doch mit dem Leben als Erwachsener werden die Probleme keineswegs geringer. Den Stählernen umtreibt die Suche nach der ihm bislang verborgenen Herkunft und nach dem Grund für seine Kräfte und Fähigkeiten, und als er dem Geheimnis auf die Spur kommt, ist der Schrecken groß:

Der Stählerne, der in Physiognomie und Haltung an Jesus Christus erinnert, soll einem Messias gleich die Sünden des ganzen Universums auf sich nehmen. Versöhnen soll er die Menschen, die in Zack Snyders Film zu Egoismus und Anmaßung neigen, mit den Kryptoniern, deren Probleme bei der Setzung einer gesellschaftlich akzeptierten Moral zum Untergang ihres Planeten beigetragen haben.

Hinzu kommt, dass kryptonische Rebellen auf der Erde landen, die als einzig Überlebende ihres Volks keineswegs nach der friedlichen Koexistenz trachten, die die Eltern des Stählernen einst als Ziel ausgegeben haben, sondern nach der Vernichtung der Menschen, um die Erde alleine zu besiedeln. Erschwerend kommt hinzu, dass die kryptonischen Rebellen laut Selbstauskunft keine Moral kennen und dies auch noch als evolutionären Vorteil auslegen.

Wie soll sich ein junger, gerade erwachsener Mann einer solchen Herausforderung gewachsen zeigen? Was ihm hilft, ist zum einen Urvertrauen. Wer nicht wisse, was ihn erwarte, möge im Vertrauen auf eine höhere Idee Kraft schöpfen und anstehende Aufgaben entschlossen angehen, rät dem Stählernen ein junger Pfarrer in einer Kirche kurz vor Beginn des entscheidenden Kampfes gegen die kryptonischen Rebellen. Denn auf Vertrauen folge später oftmals der Glauben.

Zum anderen hilft dem Stählernen der Bezug auf Platon, mit dessen Wert der Stählerne schon als Kind in Berührung kommt. Doch welche Rolle spielt Platon? Geht es um Platons Höhlengleichnis, also darum, dass die Menschen die geistige Welt mit ihren Ideen wie dem Gutsein sich nur mühsam aneignen können, versinnbildlicht durch den Man of Steel, der zwar von Krypton stammt, aber von Anfang an mit unglaublichen Kräften ausgestattet auf der Erde lebt und in dieser hybriden Lage die Ethik der Erde nur mühsam versteht?

Oder geht es um den platonischen Ständestaat, in dem Philosophen als geistige Elitewächter an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie über den Soldaten als Repräsentanten der Tapferkeit thronen, die ihrerseits den Rest der Gesellschaft als Repräsentanten der Begierden an Rang überragen? Und welche Rolle nimmt dann der Man of Steel ein? Jene des auch kämpfenden Philosophen oder jene des auch denkenden Soldaten?

Fragen über Fragen – und vielleicht besteht auch darin der Sinn von Snyders Blockbuster: nicht die Antworten auf jene Fragen zu präsentieren, die wir schon allzu oft gestellt haben, sondern jene Fragen zu stellen, die bislang noch gar nicht aufgeworfen worden sind.

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