Rezension zu „Interstellar“

Der Filmspann läuft ab, und der Zuschauer ist schwer beeindruckt angesichts der zuvor erlebten grandiosen Bilder und der wunderschönen musikalischen Untermalung. Ästhetisch betrachtet ist Christopher Nolan mit „Interstellar“ ein episches opus magnum gelungen, das den Vergleich mit Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ nicht scheuen muss.

Die Kraft der Ästhetik

Wer sich bislang noch nicht vorstellen konnte, wie eine Reise durch fremde Welten aussehen könnte und welch abrupte Wechsel zwischen galaktischer Stille und infernalischer Explosion möglich sind, wird nach diesem Film seine Vorstellung bereichert finden. Ob’s nun unendliche Weiten im Weltraum oder tsunamigroße Wellen sind, ob schwarze Löcher oder unwirtlich wirkende Planeten – Regisseur Nolan gelingt es mit Kameramann Hoyte van Hoytema, ergreifende Bilder zu produzieren und den Widerstreit zwischen menschlichem Drang nach grenzüberschreitendem Dasein einerseits und natürlichen und sozialen Grenzen andererseits mitreißend auf die Leinwand zu bannen.

Dieses visuelle Spektakel wird beeindruckend untermalt durch die Musik, die Hans Zimmer dem Filmschnitt beifügt. Kein Crescendo wirkt zu dramatisch, und die immer wieder einsetzende Stille vor und nach großen Tönen vermag einen Eindruck davon zu geben, was es heißt, sich mit wenigen Menschen auf den einsamen und unwägbaren Weg in unbekannte Welten zu begeben.

So wie Charles Baudelaire seine Lyrik auch als l’art pour l’art gestaltet und der Bedeutung ästhetischer Autonomie von Sprache jenseits inhaltlicher Zwecke Ausdruck verliehen hat, legt auch Nolan cineastisch mit „Interstellar“ großen Wert auf eine eigenständige ästhetische Wirkung: szenisch, musikalisch, atmosphärisch, technisch. Nolan lässt den Betrachter die Schwerelosigkeit im All, die mühsame Gravitation auf unbekannten Planeten und die Bedrohung überwältigender Riesenwellen spürbar wahrnehmen, indem er sich die Zeit zu ihrer Darstellung konsequent nimmt.

160 Minuten dauert das Epos, und in keiner Minute entsteht der Eindruck, hier werde etwas in die Länge gezogen. Im Gegenteil: Das Schrauben am Gerät, das Andocken am Raumschiff, die Programmierung prozeduraler Routinen und die Bewältigung alltäglicher Abläufe sind auf dem Raumschiff mit viel Zeit verbunden – mit Zeit als einer Dimension, deren zentrale Bedeutung ästhetisch gelungen hervorgehoben wird.

Doch der Film überzeugt nicht nur ästhetisch. Der Film nimmt sich vor, das inhaltliche Spannungsfeld zwischen Natur und Kunst, zwischen Romantik und Technik und zwischen Zeit und Gravitation künstlerisch aufzubereiten.

Fortschritt statt Mangelverwaltung

Was immer in Nolans Epos auf der Erde vor Beginn der einsetzenden Handlung passiert sein mag – schön ist es nicht. Die dystopisch anmutende Welt wirkt karg, die Luft ist durchtränkt von Sandstaub, und es gibt Hungersnöte. Energienutzung, Nahrungsproduktion und Ressourcenbewirtschaftung folgen dem Regime der Mangelverwaltung, und das Ende der Welt scheint nah. Diese filmisch angedeutete Anpassung von Lebensweise und Kultur an durch Mangel und Knappheit gesetzte Sachzwänge – kulminierend in Subsistenzwirtschaft, Monokultur, hypertrophischem Farming, Lebensmittelbunkerei und Endzeitstimmung – ist ja nicht nur irrational. Sie gewinnt ihre Rationalität da, wo und wenn die Unterstellung wahr sein sollte, dass ein Mehr an Produktivität und Wohlstand nicht möglich ist.

Genau das ist jedoch der Punkt: nur „wo und wenn die Unterstellung wahr sein sollte“. Aber ist dieser Sachzwang tatsächlich unverrückbar? Bleibt den Menschen tatsächlich nur bleierne Mangelverwaltung, einfache Reproduktion, Stillstand, Begrenzung aufs Notwendige, Verzicht auf grenzüberschreitende Freiheit und Aussicht auf ein langsames Absterben?

Oder kann es der Menschheit nicht vielleicht doch gelingen, das Unverrückbare zu verrücken und ökonomischer Prosperität und Freiheit von Mangel den Weg zu bahnen? Der Film setzt ein deutliches Ausrufezeichen hinter die Forderung nach ökonomischer Prosperität. Und so machen sich die Hauptakteure im Film auf den ungewissen Weg in eine ungewisse Zukunft, um die Welt aus Mangelverwaltung und Endlichkeit zu retten. Die Menschheit hat in Nolans Werk ihr Leben nicht gelebt, um kärglich zu enden, sondern um die Produktivkräfte der Menschen zur Entfaltung zu bringen. Nolans Botschaft ähnelt der Marxschen These in der „Deutschen Ideologie“: [i] Es

ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (…) auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte (…).

Technik als Teil der Lösung

Wie aber soll diese Welt jenseits von Notdurft und Mangel realisiert werden? In Nolans Film ist es die Technik, der hierfür eine Schlüsselrolle zukommt: In summa ist sie Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Keineswegs ist damit ausgeschlossen, dass Technik Probleme bereiten kann. Womöglich war sie sogar – etwa durch ihren Einsatz in kriegerischen Auseinandersetzungen – mitursächlich für die dystopischen Zustände, in denen die Menschheit zu Beginn des Films lebt. Doch dieselbe Technik ist eben auch ein menschlicher Ausweg aus Problemen, erweitert die menschlichen Fähigkeiten und ermöglicht Naturbeherrschung zu menschlichen Zwecken.

Angesichts dessen verdeutlicht der Film ein klassisches Dilemma: Technik kann für und gegen die Menschen wirken, und ihre Folgen sind ungewiss. Ein ganzes Forschungsgebiet ist ob dieser Unwägbarkeiten entstanden: die Technikfolgenabschätzung. Doch so viele Erkenntnisse dieses Forschungsgebiet uns auch liefern mag, ein Rest Unsicherheit bleibt. Öffnen wir sie, die Büchse der Pandora? Sollen wir das Wagnis eingehen, mit der Technik Geister hervorzurufen, die wir noch nicht genau kennen, auch nicht kennen können und die womöglich irreversible Zustände erwirken? Denn wir wissen mit Goethe: [ii]

Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los.

Die Potentiale der Technik verlangen uns also eine Entscheidung ab, und diese Frage wirft der Film nicht nur konsequent auf, sondern er wagt auch eine Antwort. Der Ablehnung von Technik, Naturwissenschaft, Forschung und Fortschritt, die in der Dystopie des Films dadurch symbolisiert wird, dass die NASA nur noch im Verborgenen agieren darf und die Mondlandung aus den Schulbüchern verbannt worden ist, wird eine klare Absage erteilt. Murphys Gesetz, das in seiner ursprünglichen Fassung besagte, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird, wird hierfür im Film wie folgt modifiziert und technisch gedeutet:

Alles, was geschehen kann, wird geschehen.

Die zentrale Figur des Films, das von Mackenzie Foy und Jessica Chastain gespielte Mädchen Murphy, steht paradigmatisch für diese Position. Sie, die anfänglich in esoterischer Manier Merkwürdigkeiten in ihrem Zimmer noch auf die Existenz von Geistern, die man rief, zurückführt, entwickelt sich im Laufe ihres Lebens zur hochbegabten Wissenschaftlerin, die es vermag, die Erkenntnisse der Physik über Gravitation und Relativität um eine weitere Erkenntnis zu erweitern und damit die theoretische Basis zur technischen Bewältigung anfänglich noch unerklärter Phänomene zu schaffen. Sie entwickelt eine Formel, mit der die Dimension der Zeit beherrschbar wird, und ihr Heureka wird letztlich technisch vollendet und umgesetzt durch ihren Vater, den durch Matthew McConaughey dargestellten Piloten und Ingenieur Cooper, der nach einer unglaublichen Reise durch fremde Welten und Zeiten der Menschheit die Lösung zur Bewältigung ihrer Probleme weist.

Doch obwohl diese Lösung am Ende des Films zu Beginn keineswegs gewiss ist, beschreiten die Menschen auf Basis von Technik den Weg in die ungewisse Zukunft. Denn da gemäß Murphys modifiziertem Gesetz Technik ohnehin auf die eine oder andere Weise früher oder später entdeckt werden wird, ist es Aufgabe der Menschheit, sie im richtigen Zeitpunkt zur praktischen Geltung zu bringen und so einzusetzen zu versuchen, dass sie segensreiche Wirkung entfaltet. Doch es ist ein Versuch, ein Wagnis, ein ungedeckter Scheck – ohne Rückversicherung, ohne doppelten Boden. Also begibt sich eine Crew von anfänglich fünf Mitgliedern, ausgestattet mit schwerer Technik, auf ihre unsichere Reise, die mancherlei Rückschläge mit sich bringt und auch Leben kostet.

Versöhnung von Natur und Kunst

Spannend am Film ist, dass Technik und Künstlichkeit nicht einfach der Natur antithetisch entgegensetzt werden, sondern dazu dienen, die nicht-menschliche Natur in Bann zu halten und den großartigen Potentialen der menschlichen Natur zu ihrer Entfaltung zu verhelfen. Denn Technik ist im Film rückgebunden an menschlich-natürliche Züge. Die Stichworte lauten: Hoffnung, Liebe, Sehnsucht, leidenschaftlicher Lebenstrieb und Mut.

Cooper erinnert sich daran, dass die Menschheit vor ihrem Abstieg in die Epoche der Mangelverwaltung noch von der Hoffnung träumte, irgendwann in der Zukunft zwischen den Sternen – interstellar – zu leben. Die Umsetzung dieses Traums ist nicht umsonst zu haben, denn schon die Lateiner wussten in Anlehnung an Seneca: [iii]

Per aspera ad astra.
Durch rauhe Wege gelangt man zu den Sternen.

Cooper lässt also seine Kinder auf der Erde zurück, um die Welt zu retten – ohne zu wissen, ob er seine Kinder jeweils wiedersehen wird. Doch er spürt: Ohne sein Wagnis sind seine Kinder auch nicht zu retten, und es ist diese Hoffnung auf Rettung von Leben, die ihm Kraft verleiht.

Gestützt wird diese Hoffnung von Liebe. Liebe, erläutert im Film die von Anne Hathaway gespielte Forscherin Dr. Amelia Brand, erschöpft sich eben nicht darin, sozial nützlich zu sein. Wir lieben auch die, die nicht mehr leben; die, die wir nicht mehr sehen; die, die wir nicht mehr leibhaftig spüren; die, die uns womöglich nicht mehr lieben. Liebe hat also einen zwecklosen Kern, eine autonome Energie, die uns ermächtigt, Anstrengungen zu wagen, die schier übermenschlich erscheinen. Sie ist das nicht-identische, vernünftige Moment der Unvernunft, das Menschen zu Menschen macht und daran gemahnt, technisch-instrumentelle Rationalität und menschliches Kalkül, sofern sie unvermeidlich sein sollten, wenigstens für die Menschen zu nutzen: Pure Vernunft darf also niemals siegen. [iv]

Getrieben wird die Hoffnung durch Sehnsucht. Sie ist in den Worten des von Matt Damon gespielten Forschers Dr. Mann die differentia specifica der Menschheit, das, was sie von anderen Lebewesen unterscheidet. Diese Sehnsucht ist im Film keineswegs das bruchlos waltende Prinzip des Wahren und Schönen, sondern kann auch durch Egoismus negativ überformt werden. Dr. Mann etwa verweilt im Film seit unzähligen Jahren alleine auf einem verlassenen Planeten und wird mit seiner Einsamkeit nicht mehr fertig. Die Sehnsucht, nochmals in seinem Leben andere Menschen zu sehen und gerettet zu werden, veranlasst ihn dazu, der Welt gefälschte, optimistische Daten zur Besiedelbarkeit des von ihm untersuchten Planeten zu übermitteln – um letztlich das ihn rettende Raumschiff für eigensüchtige Zwecke unter sein Kommando zu bringen. Sehnsucht ist also keineswegs Garant für Solidarität. Dennoch ist sie ihre conditio sine qua non. Denn Sehnsucht ist es auch, die Cooper und Brand antreibt, sich Dr. Mann entgegenzustellen und solidarisch für eine bessere Welt der Lebenserhaltung aller zu kämpfen.

Dieser Kampf der Filmhelden Cooper und Brand basiert also auf leidenschaftlichem Lebenstrieb. Sie möchten die Menschheit nicht dem Tod überlassen und riskieren hierfür ihr eigenes Leben. Das Prä fürs Leben ist ein starker Zug im Film und wird begleitet durch die Macht des Muts. Mit Mut trotzen Cooper und Brand ihrer ausweglos erscheinenden Lage, mitten im All zwischen den Stühlen zu sitzen und mit Angst der Ungewissheit ins Auge sehen zu müssen. Sie wagen es, sich auf eine Reise ins schwarze Loch zu begeben, mithin in eine Dimension ungeahnter Energie. Welche Folgen die Reise hat, ist unklar. Der eigene Tod kann die Folge sein, doch ohne das Wagnis der Reise, wissen beide, wird es auch kein Leben geben. Und so gehen sie das Wagnis ein.

Technik auf der einen und menschliche Züge von Hoffnung, Liebe, Sehnsucht, Lebenstrieb und Mut auf der anderen Seite verhalten sich im Film als Komplemente. Die Technik dient den Menschen zur Erfüllung ihrer Begehren, und konsequenterweise eignet den im Film repräsentierten Roboter auch kein menschliches Antlitz, wie man es aus anderen Sci-Fi-Blockbustern kennt. Deren Funktionalität, künstliche Intelligenz und artifizielle Emotionalität sind auf menschliche Steuerung und Programmierung angewiesen. Der Mensch schafft sich seine Welt selber und versucht mit Technik seiner natürlichen Sehnsucht nach einem Leben mit Liebe und Leidenschaft Geltung zu verschaffen.

Technikbasierte Kunst und Natur treten folglich entgegen dem spontan anmutenden Anschein als einander beigesellende und nicht als voneinander fliehende Kräfte auf. Lassen wir hierzu wieder Goethe sprechen: [v]

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen,
Und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Implizite Schlüsse

Eine große Stärke des Films besteht darin, dass er es vermeidet, seine Botschaften allzu explizit zu formulieren, und einer impliziten Andeutung den Vorzug gibt, die es dem Betrachter ermöglicht, eigene Schlüsse zu ziehen.

Sind es, wie es Cooper vermutet, Menschen in einer fernen Zukunft, die eine fünfte, die Begrenztheiten der Zeit überwindende Dimension bereits geschaffen haben und auf diese Weise mit Menschen der Vergangenheit Kontakt aufnehmen? Handelt es sich wirklich um Zeitreisen oder um bloße Eindrücke von Zeit, in der die Abgrenzung zwischen Kausalität und Kontingenz verschwimmt? Werden die Menschen, wenn sie eigentlich für Menschen unbewohnbare Planeten wie den Saturn auf Basis der Beherrschung von Gravitation kultivierbar machen, ein glückliches Leben führen können? Wird es Cooper zusammen mit Brand gelingen, auf einem erdähnlichen Planeten eine Neubesiedlung für Menschen zu starten? Wir wissen es nicht, können uns aber hierüber selber Gedanken machen.

Doch wir wissen, dass „Interstellar“ ein großer Film ist, den anzuschauen mehr als lohnt.

Literatur

[i] Marx, Karl / Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, in: MEW 3, S. 34-35.

[ii] Goethe, Johann Wolfgang von: Der Zauberlehrling, URL: http://de.wikisource.org/wiki/Der_Zauberlehrling_(1827).

[iii] Es ist meine Übersetzung. Seneca wählte in seiner Tragödie „Der rasende Herkules“ die Worte: „Non est ad astra mollis e terris via.“ In meiner Übersetzung: „Von der Erde zu den Sternen ist es kein weicher Weg.“

[iv] So wie es Tocotronic zurecht besingen.

[v] Goethe, Johann Wolfgang von: Natur und Kunst, URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-wolfgang-goethe-gedichte-3670/331

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