Cowgirl in the Sand, Neil Young und sein halbierter Jakobinismus

Neil Young hat zum einen etwas Jakobinisches an sich. Seine Wut treibt ihn an, Lieder zu schreiben, in denen die Wut auch zum Ausdruck kommt. Er ergreift wütend Partei für Arbeiter, für Bauern, gegen Rassismus, gegen Umweltzerstörung, gegen Fakenews. Läuft es nicht so rein, wie er es sich tugendhaft wünscht, wird er zum Mann der Tat: Er organisiert Soli-Konzerte, betreibt Kampagnen, gründet eine eigene Musikplattform, verlässt Spotify, wenn hier Fakenews Platz finden.

Zum anderen zeigt Neil Youngs Werk, dass er zum Glück nicht nur die Tugendterror-Perspektive des Wohlfahrtsausschusses einnimmt, sondern bisweilen auch ein Gespür für die Grauzonen des Lebens hat, in denen Menschen mal Engel, mal Bengel sind, nicht nur tugendhaft leben und Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigen. Neil Young ähnelt also Danton in der Französischen Revolution, wenn er sich zwischen Tugendanspruch und Verständnis für Fehler bewegt.

Anders als der oberste Tugendwächter Robespierre schwankte Danton 1789 ff zwischen Moralismus, Einsicht in die Sackgassen des Tugendterrors und Gewissensbissen, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. So liebt Danton in Büchners Drama „Dantons Tod“ zwar seine Frau Julie von ganzem Herzen, pflegt aber dennoch einen promiskuitiven Lebensstil.

Promiskuität ist womöglich auch das Thema in Neil Youngs Song „Cowgirl in the Sand“, sofern es dort um eine Frau gehen sollte, die ein Spiel spielt, bei dem sie Sex mit vielen Männern hat, denen sie den Kopf verdreht – darunter auch dem lyrischen Ich des Songs. Vielleicht ist „cowgirl in the sand“ aber auch nur eine Chiffre für die Strände an den spanischen Küsten, wie es Neil Young einst behauptet hat.

Es könnte aber auch sein, dass Neil Youngs später gegebene Erläuterung es am besten trifft:

„Der Text von ‚Cowgirl in the Sand‘ ist sehr wichtig, weil man mit ihm frei assoziieren kann. Bei manchen Texten ist das nicht möglich, so dass man an das bestimmte Mistding gebunden ist, von dem der Interpret singt. Auf diese Weise (wie in ‚Cowgirl in the Sand‘; Anm. AR) könnte es alles sein.“

Diese Erläuterung ist zum Glück keine Tugendempfehlung, sondern lässt Luft zum Atmen.

Im Lied kontrastiert Neil Youngs Falsettstimme, die für Eindeutigkeit stehen könnte, mit seinen Gitarrensoli, die wie Kettensägen harte Schneisen der Zweideutigkeit in die Landschaft schlagen. Dass Neil Young das Lied im Zustand des Fiebers komponierte, gerät ihm zum Vorteil: „Cowgirl in the Sand“ ist ein famoses 10-minütiges Epos von Neil Youngs zweitem Album „Everybody Knows This Is Nowhere“ aus dem Jahre 1969.

PS: Die Übersetzung des Neil-Young-Zitats stammt vom Verfasser (AR).

PPS: Als 1:1-Gegner von Vermarktung taugt Neil Young auch nicht, was aber kein Anlass ist, ihn zu verdammen.


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