Sozialismusfragen

Warum tut ein kapitalistisches Unternehmen, was es tut? Weil es Profite maximieren muss.

Warum muss ein kapitalistisches Unternehmen Profite maximieren? Weil sie dem kapitalistischen Unternehmen Investitionen finanzieren und ermöglichen: direkt durch Selbstfinanzierung, indirekt durch bessere Spielräume für Beteiligungs- und Fremdfinanzierung.

Warum braucht ein kapitalistisches Unternehmen Investitionen? Weil es sonst in der Konkurrenz nicht bestehen kann.

Das alles rechtfertigt es, das kapitalistische System als ein profitgesteuertes zu charakterisieren, das den in ihm agierenden einzelnen Unternehmen aufzwingt, Profite zu maximieren und sich kurzfristig an der Umsatzrendite als Anteil des Gewinns am Umsatz und mittelfristig an der Profitrate als Anteil des Gewinns an der Summe des vorgeschossenen Kapitals in einer Periode auszurichten.

Da das kapitalistische System den kapitalistischen Unternehmen diese Handlung aufzwingt, trachten sie nach Gewinnmaximierung, und indem sie danach trachten, konstituieren sie durch ihre Handlungen das System, dem sie unterworfen sind, und zwar mit den Resultaten der Erscheinung der Arbeitswerte als Produktionspreise und der Entstehung einer halbwegs uniformen Profitrate.

Gut ist: Dieses einzeln zwar geplant, aber im Ganzen doch ungeplant wirkende Gesamtsystem erhöht die Produktivität und schafft, wenn auch nicht direkt gewollt, nützliche Gebrauchswerte als ungeheure Warensammlung.

Auch gut ist: Das System lässt sich einhegen durch politische Interventionen eines agierenden und regulierenden Staats.

Schlecht ist: Als solches ist das System für soziale Zwecke blind, so dass es immer wieder aufs Neue trotz politischer Interventionen zu sozialen und ökologischen Verwerfungen, Ungleichheit, Ausschluss und Krisen kommen kann, zumal wenn die politischen Interventionen geringfügig oder schlecht austariert sind.

Daher fordern manche Sozialisten neben den politischen Interventionen eines agierenden und regulierenden Staats zusätzlich eine andere Eigentumsordnung. Die Rede ist von der Vergesellschaftung als der Herstellung individuellen Eigentums auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.

Da ist gewiss etwas Richtiges dran, denn ein Unternehmen, das nicht kapitalistischen Eignern, sondern der Gesellschaft gehört, verfügt über andere Grade an Autonomie, die es gestatten, sich den Imperativen des Systems partiell nicht zu unterwerfen.

Die Crux ist aber eine dreifache. Erstens ist die Rede von der Herstellung individuellen Eigentums auf Grundlage von Kooperation, Gemeinbesitz der Erde und durch die Arbeit selbst produzierter Produktionsmittel nebulös und unkonkret. Welche Kooperation ist gemeint, welcher Gemeinbesitz? Wer setzt die Ziele, wer entscheidet?

Zweitens bleibt unklar, welche Ziele ein nicht-kapitalistisches Unternehmen verfolgen soll und kann, wenn es einem Umfeld ausgesetzt ist, das ihm als nur Teil des Ganzen nach wie vor partiell und nicht zu knapp Imperative auferlegt, denen es sich nicht entziehen kann.

Drittens stellt sich, wenn man die Imperative der ganzen Gesellschaft anders als kapitalistisch vorgeben möchte, die Frage nach der Steuerung der Gesamtreproduktion: Wenn es nicht eine Steuerung durch den Profit sein soll, welche soll es stattdessen sein? Wie werden Gebrauchswerte hochtechnologisch und mit enormer Produktivität erzeugt? Wie werden Allokation, Produktion und Distribution geregelt? Welche Rolle spielen Märkte, Löhne, Preise, Profitraten, Zinssätze und Geld noch für die gesellschaftliche Vermittlung?

Kurzum: Ich habe den Eindruck, dass die Schwäche der gesellschaftlichen Linken auch damit zu tun hat, dass es ihr zwar leicht fällt, auf Defekte des Kapitalismus hinzuweisen, dass sie aber, wenn es zur Frage einer nachkapitalistischen Alternative kommt, ziemlich blank dasteht. Dies schließt mich selbstredend ein.

Ein Reformismus, der eine nachkapitalistische Gesellschaft mit einer anderen Eigentumsordnung zwar nicht ausschließt, aber auch und verstärkt den politischen Interventionen eines agierenden und regulierenden Staats innerhalb des Kapitalismus hohe Bedeutung zuschreibt, hat den Vorzug, nicht ganz so blank dazustehen.


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