Trinitas, Dogma und Schisma

Die römisch-katholische Sicht

Die römisch-katholische Kirche geht davon aus, dass Gott-Vater von Anfang an da, also ungezeugt sei. Jesus Christus als Gott-Sohn sei zwar aus Gott-Vater gezeugt, befinde sich aber in Wesensübereinstimmung mit ihm und sei daher gleichrangig zu Gott-Vater. Der Heilige Geist gehe aus dem Vater und dem Sohn zugleich hervor, da Gott-Vater und Gott-Sohn wesensgleich seien.

Das Fazit der römisch-katholischen Kirche: Also sei ungezeugt der Vater, gezeugt der Sohn, nicht gezeugt der Beistand, vielmehr aus dem Vater und dem Sohn hervorgehend. Daher heißt es im Nicäno-Konstantinopolitanum-Glaubensbekenntnis gemäß römisch-katholischem Verständnis wie folgt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht.“

Der Ursprungstext des Nicäno-Konstantinopolitanum

Allerdings lautet der Ursprungstext des Nicäno-Konstantinopolitanum-Glaubensbekenntnisses anders, und zwar so: „Wir glauben an den Heiligen Geist, den Herrn, den Lebendigmacher, der aus dem Vater hervorgeht.“

Der Filioque-Zusatz (lat. filioque = und aus dem Sohn) wurde nämlich erst im Jahre 447 durch die Synode von Toledo und im Jahre 589 durch das dritte Konzil von Toledo seitens der römisch-katholischen Kirche eingefügt und anerkannt.

Die orthodoxe Sicht

Diesen Schritt gingen die orthodoxen Kirche nicht mit — einerseits weil sie die nachträgliche Abänderung des Ursprungstextes falsch fanden, andererseits weil sie der Sache nach davon ausgingen, dass der Heilige Geist nur durch den herrschenden Gott-Vater geschaffen sei.

Für die orthodoxen Kirchen stellt sich die Dreieinigkeit bis heute eher so dar, dass oben Gott-Vater stehe und darunter einerseits sein Sohn Jesus Christus, andererseits der Heilige Geist. Der Heilige Geist wird durch die ähnliche Höhe zu Jesus Christus in den spirituelleren orthodoxen Kirchen aufgewertet.

Dem entgegen stellt sich die Dreieinigkeit für die Christus-zentrierte römisch-katholische Kirche bis heute eher so dar, dass oben Gott-Vater und Gott-Sohne stünden und eine Stufe darunter der Heilige Geist als aus beiden hervorgehend.

Dogma und Schisma

War und ist dies ein leicht beizulegender Streit um ein Dogma? Nein.

Der Filioque-Streit war einer der Anlässe, die zum Morgenländischen Schisma von 1054 zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche führten, und ist neben dem Papstprimat bis heute ein Grund dafür, dass eine Annäherung zwischen West- und Ostkirche nicht stattfindet.

Zur Trinitas

Die Dreieinigkeit unter den Christen bedeutet nicht Vielheit in Vielfalt, sondern Einheit in Vielfalt, daher spricht man von Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit. Alle Christen sehen Gott-Vater, Gott-Sohn und den Heiligen Geist als Ausdrucksformen von Gott an.

Aber dennoch unterscheiden sie sich in ihrer stufenhaften Sicht auf Struktur, Ordnung und Hierarchie der Trinitas, also im Hinblick auf Ursprung, Bedeutung und Weitergabe. Es bestehen also dogmatische Unterschiede zwischen römisch-katholischer Kirche, orthodoxen Kirchen, evangelischen Kirchen und altkatholischen Kirchen.

So stehen etwa die evangelischen Kirchen in der Filioque-Frage eher an der Seite der römisch-katholischen Kirche, während die altkatholischen Kirchen sich in dieser Frage eher zu den orthodoxen Kirchen gesellen.

Struktur und Bilder

Wenn von Stufen die Rede ist, geht es um die verschiedenen Perspektiven der diversen Kirchen auf Struktur, Ordnung und Hierarchie im Hinblick auf Ursprung (was war zuerst da?), Bedeutung (wer/was hat welche Rolle, Funktion, Wichtigkeit, Herrschaft?) und Weitergabe (wer gibt wem was weiter?).

Der jeweiligen Perspektive könnte zwar eine bildliche Darstellung korrespondieren, die Struktur, Ordnung und Hierarchie der Trinitas abbildet, aber es muss nicht so sein. Wer oben abgebildet ist, muss also nicht den Ursprung repräsentieren, den höchsten Rang oder die höchste Bedeutung haben, die zentrale Rolle einnehmen oder Ausgangspunkt von Weitergabe sein.

Wir sehen nachfolgend Bilder aus der griechisch-orthodoxen Kirche im Kloster Paleokastritsa auf Korfu. Dass in diesem Fall Gott-Sohn links, Gott-Vater rechts und der Heilige Geist oben platziert sind, muss also nicht heißen, dass hier eine bestimmte religiös geprägte Perspektive auf Struktur, Ordnung und Hierarchie der Trinitas künstlerisch ausgedrückt wird.

Vermutlich wird das Verständnis der Christen am besten erfasst durch drei Punkte, die gedacht oder skizziert werden durch einen Kreis, in den ein gleichseitiges Dreieck eingeschrieben ist.

Drei Punkte müssen indes nicht unbedingt ein Dreieck ergeben, sondern können auch auf einer Linie liegen. So heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis über Jesus Christus: „(…) er sitzt zur Rechten Gottes“. Denkt man sich nun hinzu, dass der Heilige Geist links platziert ist, hat man die klassische Stangenformation.

Zudem gibt es die Formation des Kreuzzeichens, wenn es heißt: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Markiert wird oben (Stirn) Gott-Vater als Schöpfer von Himmel und Erde, unten (Brust) Jesus Christus, der zu den Menschen niedergekommen ist, und links und rechts an der Schulter der Heilige Geist, der die Menschen in einen Mantel hüllt und schützt vor allem Bösen.

Religion und Kunst

Religion und Kunst folgen also nicht zwingend der gleichen Logik. Sollen aber religiöse Bilder überhaupt gemalt werden (dürfen)? Ja! Erstens sind Bilder schöne Artefakte.

Zweitens sind sie künstlerische Versuche dessen, was ohnehin gedanklich stattfindet. Der Mensch stellt sich die Frage, was die Welt ist, wie sie entstanden ist oder erschaffen wurde, welche Kraft dahintersteht, welchen Sinn sie hat, welcher Struktur sie folgt und wer er selbst in all dem ist. Religionen sind ein Ansatz dazu, und das Christentum hat unsere abendländische Vorstellung massiv geprägt — auch die Vorstellung jener, die nicht glauben.

Wenn es aber diese Vorstellung gibt und Religion dazu gehört, sollte sie und sollten ihre Rollen und Personen auch abgebildet werden können. Bilderverbote oder gar Bilderstürmerei sind falsch.

Fazit

Man sieht, welche Folgen aus dogmatischen Streitigkeiten resultieren können — ob in Philosophie, Weltanschauung, Politik oder Kirche. Sogar zu einem Schisma kann es kommen.

Dass Dogmatismus, verstanden als Starrheit, ein Problem ist, liegt auf der Hand. Beliebigkeit im Denken ist aber auch nicht die Lösung.

Das Thema Dogmen ist grundsätzlich schwierig und auch für Atheisten oder Agnostiker interessant, die wie ich nicht oder nicht so richtig gläubig sind, denn die verschiedenen Antworten auf die Frage nach Sein, Entstehung, Triebkräften, Sinn und Struktur der Welt interessieren viele.

1 Kommentar

  1. Gefällt mir! Die Spaltung in eine westliche und eine östliche Kirche, die üblicherweise auf das Jahr 1054 datiert und am dogmatischen Streit um die „filioque“-Formel festgemacht wird, war allerdings tatsächlich ein viel länger andauernder Prozess.

    Am Anfang stand die Teilung des Römischen Reichs, die eine sprachliche Entfremdung nach sich zog. Die bis dahin für gebildete Römer selbstverständliche Zweisprachigkeit mit Latein und Griechisch ging nach der Teilung im Jahr 395 erstaunlich schnell verloren. Nach zweihundert Jahren war eine Kommunikation zwischen dem lateinischen Westen und griechischen Osten nur noch per Dolmetscher möglich. Das erschwerte eine Diskussion. So hat man jahrhundertelang das Glaubensbekenntnis im Westen mit und im Osten ohne „filioque“ gesprochen.

    Bei der Mission der Slawen gab es Konflikte in Bezug auf die Sprache: Hier haben die byzantinischen Missionare von Anfang an die slawische Liturgie unterstützt, während Rom auf Latein bestand. So haben wir heute eine auch politisch konfliktuelle Teilung der Slawen in orthodoxe und katholische Nationen.

    Die römisch-katholische und die byzantinisch-orthodoxe Welt haben sich vor allem kulturell auseinandergelebt: Da haben sich zwei sehr verschiedene Mentalitäten entwickelt. In westeuropäischen Klöstern praktizierten die Benediktiner die Regel „ora et labora“, bete und arbeite: Man erkannte die Bedeutung der Arbeit. Im Osten hingegen pflegte man eine tief kontemplative Haltung. Während Thomas von Aquin sich mit dem Verhältnis von Glauben und Vernunft beschäftigte, war die dominierende Strömung der orthodoxen Theologie der „Hesychasmus“, die Schau Gottes in der Stille. Im Westen, wo in den Städten die ersten Keime einer bürgerlichen Gesellschaft entstanden, beschäftigte man sich intensiv mit dem römischen Recht, und das färbte auf die Theologie ab: Die Frage der Rechtfertigung des Menschen vor Gott wurde für die westliche Theologie zu einem zentralen Thema. In der östlichen spielt sie keine Rolle: Dort geht es um die „theosis“, das Einswerden des Menschen mit Gott.

    Das Schisma von 1054 war kirchenrechtlich eigentlich keines: Es handelte sich bloß um die wechselseitige Exkommunikation zweier Personen. Man sich dann die Meinungsverschiedenheiten über den Heiligen Geist an den Kopf geknallt, die seit Jahrhunderten bestanden, aber bis dahin hingenommen wurden. Die Exkommunikation von 1054 wurde 1965 gegenseitig aufgehoben.

    Als die Expansion des Osmanischen Reichs zu einer Bedrohung für Europa wurde, haben Katholiken und Orthodoxe über eine Wiederherstellung der Einheit diskutiert. Das scheiterte an politischen Interessen. Zu tief saßen die Demütigungen, die die Katholiken den Orthodoxen während der Kreuzzüge zugefügt hatten.

    Die Sakramentengemeinschaft zwischen katholischer und orthodoxer Kirche blieb aber noch bis ins 18. Jahrhundert bestehen – das heißt: Eine von einem Priester der Gegenseite empfangene Kommunion, Eheschließung oder letzte Ölung blieb generell gültig. Erst 1729 hat die katholische Kirche ihren Priestern verboten, Orthodoxen die Sakramente zu spenden. 1755 haben die Orthodoxen die katholischen Sakramente für ungültig erklärt. Erst damit war die Spaltung endgültig vollzogen. Seit der Wiederaufnahme des Dialogs unter Papst Paul VI. in den 1960er Jahren erkennt die katholische Kirche die orthodoxen Sakramente wieder an, aber das beruht nicht auf Gegenseitigkeit. Gegen eine Sakramentengemeinschaft spricht aus orthodoxer Sicht, dass die Praxis der Orthodoxen strenger ist: Sie legen größeren Wert auf die regelmäßige geistliche Betreuung durch den Priester, es wird erwartet, dass der Empfang der Kommunion durch Beichte, Gebet und Fasten vorbereitet wird. Die Katholiken sind aus orthodoxer Sicht einfach zu lasch. So etwa auch bei den Fastengeboten, die in der Orthodoxie sehr streng sind, bei den Katholiken hingegen immer mehr gemildert wurden.

    Der absolute Primat des Papsttums mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit wurde erst im 19. Jahrhundert auf dem Ersten Vatikanischen Konzil kodifiziert.

    Ein in Deutschland tätiger russisch-orthodoxer Priester hat sinngemäß einmal gesagt: Aus orthodoxer Sicht besteht das Problem mit den Katholiken nicht so sehr in ein paar dogmatischen Unterschieden, sondern darin, dass die Katholiken an ihre eigenen Dogmen nicht mehr richtig glauben. Aus (russisch-)orthodoxer Sicht ist die katholische Kirche viel zu liberal-protestantisch-modernistisch aufgeweicht.

    Dabei teilen Katholiken und Orthodoxe die Auffassung, dass es nur eine Kirche Jesu Christi gibt, beruhend auf der apostolischen Nachfolge. Für die Orthodoxen sind Katholiken Brüder und Schwestern, die vom rechten Weg abgekommen sind. Man teilt auch die Auffassung, dass evangelische Kirchen im eigentlichen Sinne überhaupt keine richtige Kirche, sondern bloß bürgerliche Religionsvereine sind. Natürlich nimmt man es in der Praxis nicht so streng. Evangelische und orthodoxe Kirchen bilden gemeinsam den Weltkirchenrat. In letzter Zeit haben hier aber die Spannungen zugenommen: Liberale evangelische Kirchen, die Frauenordination und Homosexualität anerkennen, sind den Orthodoxen ein Dorn im Auge. Wenn es zu solchen kulturellen Konflikten kommt, dann werden gerne die fundamentalen Differenzen hervorgeholt. Und so wie es in der katholischen Kirche Unterschiede zwischen stockkonservativen Polen und liberalen Deutschen gibt, stehen in der Orthodoxie die Russen für eine streng konservative und die Griechen für eine etwas liberalere und moderatere Richtung. In russischen Kirchen müssen in der Regel Frauen ein Kopftuch tragen, bei den Griechen nicht.

    Nach dem Fall Konstantinopels 1453 sah Moskau sich als das „Dritte Rom“, das den wahren Glauben gegen westliche Irrlehren und Dekadenz bewahrt. Das spielt für das Selbstverständnis Russlands bis heute eine Rolle.

    Ich stimme zu: Auch wenn man nicht zum harten Kern der Gläubigen gehört, ist die Beschäftigung mit theologischen Fragen und ihren Hintergründen oft lehrreich.

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