Ferien sind was Feines. Nach der Serie „Kommissarin Lund“ in horizontaler Erzählweise war es mir nun vergönnt, „The Equalizer 3“ in vertikaler Erzählweise zu schauen. Es handelt sich um einen Revenge-Film, in dem Denzel Washington erneut den einstigen DIA-Agent Robert McCall mimt, der sich diesmal mit der sizilianischen Mafia und der kampanischen Camorra anlegt. Im Film gibt es einen Schlüsseldialog zwischen McCall und Arisio, Arzt eines kampanischen Amalfidorfs, der den verwundeten McCall einst bei sich aufgenommen, operiert und gepflegt hat.
McCall: „Was siehst du in mir? Warum hast du mich damals aufgenommen?“
Arisio: „Erinnerst du dich, was ich dich gefragt habe?“
McCall: „Damals, als ich (verletzt, Anm. AR) zu dir kam?“
Arisio: „Ja.“
McCall: „Nun, ob ich ein guter oder schlechter Mann sei, hast du mich gefragt.“
Arisio: „Und du sagtest, du wissest es nicht.“
McCall: „Ich weiß es auch nicht.“
Arisio: „Eben. Nur ein guter Mann würde das so sagen.“
Dies erinnert an Shen Te, die in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ sagt: „(I)ch bin gar nicht sicher, dass ich gut bin. Ich möchte es wohl sein, nur, wie soll ich meine Miete bezahlen?“ Die liebe Shen Te verwandelt sich daher in ein Alter Ego, den harten Shui Ta, um im Kapitalismus zu bestehen. Im Film wiederum nimmt der sanftmütige und charmante McCall Rückgriff auf ihm geläufige Techniken harter Gewalt, um der Brutalität der Mafia Herr zu werden, denn die rechtsstaatlich agierenden Carabinieri werden von der Mafia von der Tischplatte gefegt.
Es gibt indes in dieser Hinsicht zwei Differenzen zwischen Film und Brecht-Drama. Erstens: Shen Tes Dialogpartner sind naive Götter, die von den Problemen guten Lebens in unguter Umwelt nichts ahnen, wohingegen Arisio wie auch die kampanischen Dorfbewohner sehr wohl um die Schwierigkeit guten Lebens in gewaltförmigen Strukturen wissen. Zweitens: Die Welt Sezuans, die gutes Leben erschwert, ist kapitalistisch. Die Welt Süditaliens, die gutem Leben entgegensteht, ist hingegen eine Mischung aus mafiosen Feudalstrukturen und kapitalistischer High-Tech-Moderne.
Marx und Engels lagen also falsch, als sie in ihrem Frühwerk, dem „Manifest der Kommunistischen Partei“, prognostizierten: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ Vielmehr koexistiert in der Gesellschaftsformation Süditaliens die herrschende kapitalistische Produktionsweise, in der unpersönliche ökonomische Herrschaft dominiert, mit Restbeständen der feudalen Produktionsweise, in der persönliche Herrschaft dominiert, wie es Poulantzas allgemein in „Politische Macht und gesellschaftliche Klassen“ beschrieb.
So ist es auch im Film: Der Kapitalismus produziert Ungleichheit und lässt ökonomisch rückständige Gegenden zurück. Die Orte Süditaliens sind zwar bildschön mit kleinen Gassen, pittoresken Plätzen, verwinkelten Treppen und alten Kirchtürmen, aber nicht funktional für kapitalistisch-effizienzorientierte Kombinationen von Arbeitskraft und Maschinerie. Doch die Orte verschwinden nicht. Nein: Wo die direkte Einbindung in den Kapitalismus nicht gelingt, formieren sich in in dessen Gräben und Lücken mafiose Clans mit persönlicher Herrschaft, deren Führer in den anmutigen vormodernen Orten mit Produkten der Moderne aufwarten: Ferrari, Maschinengewehr und Smartphone. So lassen sie Drogen produzieren, die sie an all die im Kapitalismus Eingebundenen verkaufen, die ihr Leben nur temporär betäubt ertragen.
Gelingt es in einer solchen Konstellation, „gut zu sein und doch zu leben“, wie es die Götter in „Der gute Mensch von Sezuan“ fragen? Nein, sagt sich McCall und metzelt die Mafiosi einen nach dem anderen nieder: mit Knarre, MG, Messer und Säbel. Man gestehe: Das zu sehen tut bisweilen gut, denn es wird ein Gefühl von Handlungsfähigkeit vermittelt. „Endlich räumt da mal einer auf!“ ist der Gedanke, der sich in den Kopf einschleicht, doch man erschreckt auch angesichts der brutal exekutierten Selbstjustiz jenseits aller Rechtsstaatlichkeit.
Aber heiligt nicht der Zweck die Mittel? Nein. Zwar muss Gewaltförmigkeit in der Gesellschaft auch durch Repressionen des staatlichen Gewaltmonopols beantwortet werden. Aber staatliche Gewalt bedarf der Legitimation, damit sie sich von krimineller Gewalt unterscheidet und von der Bevölkerung akzeptiert wird. Repressive Staatsorgane müssen daher hinreichend demokratisch geschult, materiell ausgestattet und gesetzlich befugt sein, um tun zu dürfen und zu können, was sie tun müssen, um Kriminalität effektiv zu bekämpfen.
Hinzu kommt: Gewaltförmigkeit in der Gesellschaft auf Basis persönlicher krimineller Herrschaft entsteht wie erläutert aus und in den Gräben und Lücken, die die ungleichen Resultate der kapitalistischen Produktionsweise mit ihrer unpersönlichen ökonomischen Herrschaft hinterlassen. Daher bin ich zwar sehr dafür, dass der Staat mafiose Clans bekämpft, aber wenn er sich nur deren Führungen entgegenstellt, ohne dass die globale Ungleichheit im Kapitalismus reduziert wird, wird die Kriminalität nicht angemessen zurückgedrängt werden können. Doch die Frage, wie das geschehen kann, ist leichter gestellt als beantwortet. Nicht umsonst heißt es bei Brecht: „Den Vorhang zu und alle Fragen offen. (…) Der einzige Ausweg wär aus diesem Ungemach: Sie selber dächten auf der Stelle nach.“
Wie endet der Film? Die ökonomische Rückständigkeit kapitalistisch zurückgelassener Orte ist zwar ein Problem, aber ihr feudal-romantischer Flair ist auch ungeheuer attraktiv. Daher erwägt der Amerikaner McCall schließlich, sein Rentnerdasein an der Amalfiküste zu genießen: bei dolce vita und umgeben von romantischen Fans, die bei Erfolgen ihrer geliebten SSC Neapel in Freudentaumel verfallen. Schön, oder?
Das Bild von Positano an der Amalfiküste stammt von Wolverine_01.