Krisen im Kapitalismus: Opel, Karstadt & Co.

Dieser Artikel erschien, als Alexander Recht noch SPD-Mitglied und aktiver Juso war, in der ehemaligen Juso-Zeitschrift „Kritik. Forum für sozialistische Intervention, Ausgabe Nr. 2, Januar 2005, S. 23-32. Auch dieser Text entstand im Zuge parteipolitischer Auseinandersetzungen.

Krisen überall …

Erst Daimler, dann Karstadt, heute schließlich Opel: gleich zuhauf werden wir im Moment mit krisenhaften Entwicklungen des Kapitalismus konfrontiert; mit Entwicklungen, die offenbar gleich mehrere Branchen – hier die Automobilindustrie und den Handel – betreffen. Solche negativen Ereignisse werden selbstredend ausführlich in politischen Kreisen, den Medien wie auch in der Wissenschaft kommentiert und interpretiert. Hierbei lassen sich im Wesentlichen zwei verschiedene öffentliche Deutungsmuster unterscheiden: Das häufigste lautet so: Die Lohnkosten seien im internationalen Vergleich zu hoch, die Unternehmen folglich nicht mehr international wettbewerbsfähig. Man müsse die Löhne senken, hierzu gebe es keine Alternative. Eine andere Deutung konzentriert sich auf die Manager: Sie seien es, die durch Fehlentscheidungen die Krise herbeigeführt hätten. Interessant ist, dass sich beide Deutungen auf der mikroökonomischen Ebene bewegen; die einen erklären zu hohe Ansprüche der Lohnabhängigen, die anderen Fehler der Unternehmensführungen für verantwortlich. Beide Interpretationen sind jedoch letztlich falsch, weil sie das Einzelne für das Ganze halten und so Mikro- mit Makroökonomie gleichsetzen, obwohl sie sich nicht gleichsetzen lassen.

Dabei soll nicht geleugnet werden, dass bei Krisen wie jener von Opel das Management zuweilen schwere Fehler begangen hat. Auch soll nicht unterschlagen werden, dass Unternehmen mit starker Weltmarktorientierung, deren Lohnkosten vergleichsweise viel höher sind als jene der Konkurrenten, in Schwierigkeiten geraten können. Aufzuzeigen ist aber, dass eine Deutung von Krisen, will sie umfassend und korrekt sein, makroökonomisch sein muss.

Die Kapitallogik und ihre Wirkung auf Unternehmen

Die Konstellation der gesamten Volkswirtschaft ist das Produkt der systemischen Beziehungen aller ökonomischen Akteure zueinander und insofern nur makroökonomisch angemessen zu erfassen. Das heißt: Die spezifische Verfassung eines jeweiligen einzelnen Unternehmens, bestehend aus allen Kosten und Erträgen, allen Aktiva und Passiva, der ökonomischen Performance der Lohnabhängigen und den Handlungen der Manager, hat sicherlich Einfluss darauf, wie sich die Konstellation der gesamten Volkswirtschaft auf die einzelnen Kapitalien verteilt, aber steuern und regeln können einzelne Unternehmen die Konstellation der gesamten Volkswirtschaft nicht. Denn Makroökonomie ist eben keine direkte Funktion des Handelns mikroökonomischer Einheiten.

Dass einzelne Unternehmen die gesamte Volkswirtschaft nicht regeln, wird auch nicht dadurch dementiert, dass es Konzerne gibt, deren Unternehmensgröße eine größere Marktbeeinflussung über Preis- und Mengengestaltung zulässt, als es kleineren Unternehmen möglich ist. Denn trotz dieser Möglichkeit der Marktbeeinflussung sehen sich auch Großunternehmen mit einer Vielzahl struktureller ökonomischer Umstände konfrontiert, die sie nicht direkt beeinflussen können, als da etwa wären: gesamtgesellschaftliches Preisniveau, gesamtgesellschaftliche Nachfrage und gesamtgesellschaftliches Angebot, gesellschaftliche Lohn- und Gewinnquote, gesellschaftlich durchschnittliche Rentabilität, gesellschaftlich durchschnittliches Zinsniveau, Absatzmöglichkeiten auf dem Weltmarkt usw.

Der sozialdemokratische Marxist Peter von Oertzen kritisiert daher zu Recht die in der Linken zuweilen vorfindbare Verkennung struktureller Herrschaft im Kapitalismus und warnt vor der

„Illusion, die großen Unternehmen seien die Herren des Kapitalismus, und wenn man sie kontrolliere, erreiche man auch eine demokratische Kontrolle über den Kapitalismus. In Wirklichkeit aber sind Deutsche Bank, Allianz, Telekom, Daimler/Chrysler und alle die anderen allenfalls Herren im Kapitalismus. Sie schaffen nicht die Gesetze und bestimmen nicht die Regeln, nach denen sie konkurrieren und fusionieren, investieren und produzieren, sondern diese werden ihnen durch die Logik der anonymen Kapitalbewegung aufgenötigt. Wenn (…) von den ’sogenannten Sachzwängen‘ gesagt wird: ‚Es sind Zwänge, die sich aus der Übermacht der einen und der relativen Machtlosigkeit der anderen ergeben‘, so ist das ein grundlegender Irrtum. Nicht die Herrschaft einer Menschengruppe über eine andere ist das Problem, sondern die Dominanz der Kapitallogik über alle Menschen.“[1]

Auch wenn die „Herrschaft einer Menschengruppe über eine andere“ hier womöglich unterschätzt wird, so bleibt doch die Betonung richtig, dass es strukturelle Herrschaft durch die Kapitallogik gibt. Denn die Menschen verfügen in ihrem Handeln eben nicht über beliebige Freiheitsgrade, sondern sind gesellschaftlichen Bedingungen ausgesetzt, und das gilt auch für Unternehmen. Dass der Kapitalist als „Charaktermaske“[2] sich durch einen „absoluten Bereicherungstrieb“ auszeichnet, ist eben

„Wirkung des gesellschaftlichen Mechanismus, worin er nur ein Triebrad ist. Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur vermittelst progressiver Akkumulation.“[3]

Der Konkurrenzkampf der Einzelkapitale ist Gesetzen unterworfen, die sich anonym hinter dem Rücken der Menschen und über ihre Köpfe hinweg durchsetzen – auch über die Köpfe der Kapitalisten und der kapitalistischen Unternehmen hinweg. Dass Unternehmen ihre Profite zu maximieren trachten, ist also keine Einstellung, die das einzelne Unternehmen einfach ablegen könnte, sondern vielmehr eine notwendige Bedingung zum Überleben. Denn Unternehmen, die sich dem Diktat der Profitmaximierung nicht unterwerfen, erlangen nicht die Profite, die notwendig zur Finanzierung derjenigen modernen Produktionsmittel sind, die die Wettbewerbsfähigkeit garantieren. „Das gilt auch und gerade für die großen Banken, Versicherungen, Fonds und Produktionsunternehmen. Wenn deren Vorstände die Gesetze der Kapitalverwertung missachten – und die Dividende sinkt oder gänzlich ausfällt, dann fliegt der Manager genauso auf die Straße wie der wegrationalisierte Arbeiter: nur dass er natürlich auf einem wesentlich komfortableren Polster landet als der arbeitslose Arbeitnehmer oder die Pleite gegangene kleine Selbständige.“[4]

Managementversagen? Ja und nein!

Hieraus folgt, dass eine Deutung von Krisen wie bei Opel, die auf Managementversagen abstellt, zu kurz greift. Wenn Alexander Bercht, Juso-Landesvorsitzender in NRW, behauptet:

„Nach Karstadt ist Opel ein weiterer krasser Fall von Managementversagen, der Tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr bringt“,

so liegt er hiermit richtig und falsch zugleich. Richtig liegt er, weil ein Management, das sich besser auf die Konkurrenz eingestellt hätte, tatsächlich dazu hätte beitragen können, dass bei Opel die Beschäftigungssituation weniger dramatisch wäre, als es heute der Fall ist.

Falsch ist aber die fehlende Berücksichtigung der Tatsache, dass die Kapitallogik als allgemeine den Unternehmen äußere Zwangsgesetze aufzwingt und ihre historisch-konkrete Ausprägung eine makroökonomische Situation konstituiert. Diese makroökonomische Situation wirkt sich auf die gesamte Automobilbranche in der Bundesrepublik wie folgt aus: große Überkapazitäten, sinkende Neuzulassungen seit mehreren Jahren, Beschäftigungsabbau. Manager können zwar beeinflussen, wie sich die Branchenlage auf das von ihnen geführte Unternehmen anteilig auswirkt, aber die Branchenlage oder gar die Makroökonomie können sie nicht beeinflussen. Kurzum: Bei einem besseren Opel-Management wäre es statt bei Opel eben woanders in Deutschland oder im Ausland zu Umsatzrückgang und zu Verwertungsschwierigkeiten gekommen. Der einzige marktwirtschaftliche Ausweg besteht in einer Steigerung der gesamten Nachfrage im Automobilmarkt.

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber nicht aus freien Stücken

Es war Marx, der darauf hinwies, dass Menschen ihre Geschichte

„nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“[5]

machen. Mit Blick auf die Ökonomie und ihre Krisen ist es offenbar die makroökonomische Konstellation, die die vorgefundenen Umstände darstellt. Würde man diese Umstände als ewige, statische, menschlicher Gestaltung unzugängliche auffassen, so müsste man den Apologeten der neoliberalen Variante des Kapitalismus, die das Lied „There Is No Alternative“ vor sich her trällern, tatsächlich recht geben. Man könnte dann sagen: „Nun ja – unschön das Ganze, aber was will man machen angesichts dieser Bedingungen?“

Doch glücklicherweise verhalten sich die Dinge anders. Der erste Teil des obigen Satzes von Marx lautet nämlich zu Recht:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte“,[6]

da auch die vorgefundenen Umstände Produkt menschlichen Handelns sind. Hieraus folgt die dialektische Beziehung von gesellschaftlichen Strukturen und menschlichen Handlungen: Die gesellschaftlichen Strukturen leiten das Handeln der Menschen an, und umgekehrt konstituieren die Handlungen der Menschen die gesellschaftlichen Strukturen.

Da manche Umstände bereits vor langer Zeit von den Menschen begründet worden sind, lässt sich heute nicht alles sofort ändern, aber klar ist auch: Zum einen liegt es in der Hand der Menschen, die langfristig in die Zukunft wirkenden Umstände – etwa Bildung – bereits heute zu prägen, und zum anderen gibt es auch viele aktuell wirksame Umstände, die sich schon heute durch gesellschaftliches Handeln modulieren lassen.

Doch wie lassen sich eigentlich gesellschaftliche Umstände modulieren, und wie verhält es sich in ökonomischen Fragen? Klar ist nach dem Bisherigen, dass ein einzelner Mensch oder ein einzelnes Unternehmen nicht in der Lage ist, die Strukturen zu setzen, auch wenn sie zur Gründung der Strukturen geringfügig beitragen; vielmehr sind sie den Strukturen ausgesetzt. Aber wer kann es und wie? Letztlich ist dies nur über eine allgemeine Instanz möglich, die über Gebote, Verbote, Richtlinien, Gesetze und eine politische Praxis in der Lage ist, effektiv die Strukturen zu beeinflussen. Diese Instanz ist der Staat, sein Rahmenwerk die Gesetzgebung, sein Handeln die Politik. Und bei uns geht es um Wirtschaftspolitik. Doch bevor staatliches Handeln ins Visier genommen wird, ist zu fragen, wieso die Krise entstanden ist.

Ursachen der aktuellen Krise

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Unternehmen zahlreichen strukturellen Umständen ausgesetzt sind: gesamtgesellschaftliches Preisniveau, gesamtgesellschaftliche Nachfrage und gesamtgesellschaftliches Angebot, gesellschaftliche Lohn- und Gewinnquote, gesellschaftlich durchschnittliche Rentabilität, gesellschaftlich durchschnittliches Zinsniveau, Absatzmöglichkeiten auf dem Weltmarkt usw. Dabei sind es die Unternehmen selber, die durch ihr Handeln zusammen mit den privaten Haushalten und den Staaten zum Entstehen makroökonomischer Aggregate und Preisgrößen beitragen.

Konkret heißt dies: Das Hauptproblem der bundesdeutschen Ökonomie, namentlich die unzureichende Binnennachfrage, die den Absatz hemmt, die Realisierung von Gewinnen erschwert und für den Großteil der Arbeitslosigkeit verantwortlich ist, ist maßgeblich auf das gleichgerichtete Agieren aller Unternehmen selber zurückzuführen. Denn weil alle Unternehmen Jahr für Jahr hohe Lohnsteigerungen verhinderten, ist die Schwäche der Binnennachfrage mit ihrer drückenden Wirkung auf den Absatz, die die Unternehmen beklagen, auch ihr eigenes Werk. Und da die Unternehmen in Ermangelung hinreichender Absatzmöglichkeiten ihre eigenen Investitionen zurückfahren, ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage letztlich auch infolge gleichgerichteten unternehmerischen Handelns geschwächt.

Denn Gewinne entstehen kreislauftheoretisch und gesamtwirtschaftlich nur dann, wenn Unternehmen Nachfrage durch Investitionen und ihre Eigner Nachfrage durch Konsum entfalten. Der Konsum der Empfänger von Vermögenseinkommen ist wenig bedeutsam, weil diese nur einen geringen Teil der konsumierenden Bevölkerung ausmachen und deren Konsumquote eher gering ist. Die Realisierung von Gewinnen ist daher vor allem auf unternehmerische Realinvestitionen angewiesen. Da aber in den letzten Jahren die privaten Investitionen wegen schwacher Konsumnachfrage kaum gestiegen oder gar gesunken sind, ist auch die Summe aller privaten Gewinne kaum gestiegen! Wenn Nettogewinne doch leicht gestiegen sind, dann nicht via Investitionen, Beschäftigung, Produktion und Absatz, sondern nur durch Umverteilung von unten nach oben. Bei einem dreijährigen Wachstum von nahezu 0% können steigende Gewinne eben nur durch eine gesunkene Nettolohnquote erwirkt werden. Da aber die Gewinne infolge schwacher Binnennachfrage nur leicht gestiegen sind, ist die Kehrseite großer Gewinne bei der einen Seite der Unternehmen der Verlust bei der anderen Seite bis hin zu Kapitalvernichtung und Konkursen! Die allgegenwärtigen Entlassungen sind daher zum einen Folge unzureichender Erweiterungsinvestitionen, zum anderen von Rationalisierungsinvestitionen, die in Zeiten von Stagnation und Konkurrenz um Marktanteile bevorzugt werden, sowie zuletzt von Produktionseinschränkung, Kapitalvernichtung und Konkursen.

Dennoch wäre es falsch, den einzelnen Unternehmen dafür, dass sie durch ihr Handeln zur eigenen Krise beitragen, die alleinige Verantwortung zuzusprechen. Denn das hieße wieder, eine makroökonomische Struktur mikroökonomisch fehl zu deuten. Senken alle Unternehmen ihre Löhne, zwingt die Konkurrenz auch gutwilligsten Unternehmen das Drängen auf Lohnmoderation auf. Sind die Absatzmöglichkeiten schwach, müssen die Unternehmen tatsächlich Investitionszurückhaltung üben, auch wenn ein solches zwar gleichgerichtetes, aber eben nicht bewusst abgesprochenes Verhalten der Unternehmen diese Problematik verschärft.

Wenn in diesem konkreten Beispiel von einem nicht bewusst abgesprochenen Verhalten die Rede ist, soll nicht bestritten werden, dass Teile der Unternehmen ihr wirtschaftspolitisches Engagement in Arbeitgeberverbänden wie dem BDI oder der BDA absprechen. Vielmehr soll klar gemacht werden, dass auch jene Unternehmen, die sich in Verbänden zusammenschließen, der Logik aus Konkurrenz[7] und Profitzwang unterliegen. Hieraus folgt erstens, dass Kapitalverbände in der Regel nicht die Konkurrenz ausschalten können, sondern für ihre Mitglieder politische Maßnahmen durchzusetzen versuchen, die die jeweilige einzelwirtschaftliche Verwertung ihrer Mitglieder verbessern. Hieraus folgt zweitens, dass das jeweilige Verhalten der Unternehmen sich gleichen oder unterscheiden kann. Dies hängt von der Branche, der Kapitalausstattung, dem Modernisierungsgrad sowie den Beschaffungs-, Produktions- und Absatzmodalitäten etc. des jeweiligen Unternehmens ab.

Entscheidend ist nun: Die ökonomische Struktur des Ganzen kann dazu beitragen, dass Unternehmen im Sinne einer „List der Geschichte“ durch synchronisierte Investitionszurückhaltung ihre eigene Verwertung erschweren. Die Investitionszurückhaltung ist so Folge und Ursache von Verwertungsschwierigkeiten: Folge, weil Unternehmen wegen Verwertungsproblemen Investitionen scheuen; Ursache, weil Investitionszurückhaltung die Probleme der Kapitalverwertung verschärft. Zuweilen gilt eben:

„Die Zwecke der Handlungen sind gewollt, aber die Resultate, die wirklich aus den Handlungen folgen, sind nicht gewollt“.[8]

Konjunkturelle Krisenursachen

Wie aber sind die Krisen einzuordnen? Hier lassen sich zwei Ebenen unterscheiden: eine konjunkturelle und eine strukturelle. Auf der konjunkturellen Ebene ist die Synchronisation von Verhalten eine entscheidende Ursache der Konjunktur. Fangen wir beim Aufschwung an: Unternehmen mögen optimistische Erwartungen haben und investieren. Die Beschäftigung steigt, die Einkommen der Volkswirtschaft steigen wegen der Mehrinvestitionen und des hierdurch multiplizierten Konsums. Dieser Nachfrageanstieg signalisiert den anderen Unternehmen, es den ersten Unternehmen nachzutun, und zwar aus drei Gründen: zum einen psychologisch, weil die Erwartung optimistischer wird; zum anderen produktionstechnisch, weil jene Unternehmen, die von der initialen Nachfrageausdehnung profitierten, nun selber erweiternde Investitionen tätigen müssen; zuletzt infolge von Konkurrenz, da die neuen Investitionen der anderen auch technischen Fortschritt generieren, den man durch Imitation der Investition nachholen muss, um nicht im Wettbewerb durchzufallen. Wie auch immer: Die Nachfrage steigt, hierdurch die Produktion, hierdurch wieder die Nachfrage – und das im Rahmen von Synchronisation und Imitation.

Auf dem Höhepunkt des Aufschwungs kommt es nun zur Krise, die sich auf der Erscheinungsebene stets dadurch bemerkbar macht, dass die effektive Nachfrage schließlich geringer als das potentielle Angebot ist. Die genannten Gründe für den Abschwung differieren jedoch je nach Theorie. Die gängigste Überproduktionsthese argumentiert, dass im Umschlagspunkt infolge der Investitionen und des Optimismus trotz flexibler Preise mehr Waren produziert als abgesetzt werden, so dass einige Unternehmen ihre Produktion und Investitionen einschränken, was die Nachfragelücke verschärft und weitere Einschränkungen von Produktion und Investition nach sich zieht. Keynes argumentiert ähnlich, jedoch stärker psychologisch:

„Die Enttäuschung kommt, weil plötzlich Zweifel in die Zuverlässigkeit des voraussichtlichen Erträgnisses aufsteigen, weil das laufende Erträgnis mit der steten Zunahme des Bestandes an neu erzeugten dauerhaften Gütern Anzeichen einer Abnahme aufweist. (…) Zweifel, einmal begonnen, breiten sich rasch aus.“[9]

Die effektive Nachfrage, die sich aus Konsum-, Investitions-, Staats- und Exportnachfrage zusammensetzt, ist also ein entscheidender Faktor für die Konjunktur: Im Boom ist sie hoch, in gewisser Weise durch ihre Produktion von Überkapazitäten sogar zu hoch, in der Krise zu niedrig. Doch entscheidend für die Konjunktur ist nicht allein das Aggregat der Gesamtnachfrage, sondern auch das Lohn-Gewinn-Verhältnis. Im Aufschwung steigen zwar die Löhne, aber die Gewinne steigen noch stärker. Diese verbesserte Verteilungsposition ist neben der guten Absatzperspektive ein weiteres Motiv für Unternehmen, Investitionen auszudehnen und Arbeitskräfte einzustellen. Kurz vor Beginn der Krise beginnt jedoch nicht nur die Absatzdynamik zu erlahmen. Überdies steigen die Löhne weiter, während die Gewinne jedoch im Schnitt stagnieren oder gar zurückgehen. In der Krise fallen Löhne und Gewinne.

Marx führt hierzu an, dass im Aufschwung die Nachfrage nach Arbeitskräften lohntreibend bis zu einem Punkt wirke, wo die Rentabilität in Gefahr gerate:

„Wächst die Menge der von der Arbeiterklasse gelieferten und von der Kapitalistenklasse akkumulierten, unbezahlten Arbeit rasch genug, um nur durch einen außergewöhnlichen Zuschuß bezahlter Arbeit sich in Kapital verwandeln zu können, so steigt der Lohn, und alles andre gleichgesetzt, nimmt die unbezahlte Arbeit im Verhältnis ab. Sobald aber diese Abnahme den Punkt berührt, wo die das Kapital ernährende Mehrarbeit nicht mehr in normaler Menge angeboten wird, so tritt eine Reaktion ein: ein geringerer Teil der Revenue wird kapitalisiert, die Akkumulation erlahmt, und die steigende Lohnbewegung empfängt einen Gegenschlag.“[10]

Die Krise produziert in der Konjunktur die Grundlagen für den nächsten Aufschwung: Konkurrenten werden vom Markt gedrängt, nicht verwertbares Waren- und Maschinenkapital wird entwertet oder vernichtet, die Löhne sinken.

Strukturelle Krisenursachen

Doch die aktuelle kapitalistische Krise ist weniger konjunkturell, sondern eher strukturell zu verstehen. Denn Überkapazitäten gab es z. B. bei Opel auch im Aufschwung, wenngleich weniger groß, und die Automobilbranche als ganze hat sich keineswegs durch steigende Löhne bei rückgängigen Gewinnen ausgezeichnet. Absatzprobleme bei hohem Marktanteilswettbewerb sind vielmehr Erscheinungen, die über den Konjunkturzyklus hinweg auftreten. Offenbar gibt es auch langfristige Verwertungsprobleme, wofür sich ebenfalls mehrere Ursachen nennen lassen. Die Marxsche Unterkonsumtionstheorie beschreibt dieses Problem wie folgt:

„Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt (.) durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter.“[11]

Schauen wir uns genauer an, welche Implikationen dieses Zitat liefert. Die erste Schlussfolgerung auf kapitalistischem Standpunkt lautet, dass es gesamtwirtschaftlich keineswegs ausreicht, im Produktionsprozess niedrige Löhne und hohe Gewinne zu erwirken. Denn auf diese Weise werden nur potentiell hohe Gewinne produziert. Verwertung ist aber nicht nur auf die Produktion von Gewinnen, sondern auch auf ihre Realisation, also ihre Umwandlung in Cash in der Zirkulation auf den Märkten angewiesen. Kurz: Es nutzt einem Unternehmen nichts, wenn die Ware zwar mit wenig Lohn hergestellt worden ist, aber nicht abgesetzt werden kann. Die strukturelle Krisenanfälligkeit des Kapitalismus ist also maßgeblich darin begründet, dass Unternehmen ihre Profite aufgrund unzureichender effektiver Nachfrage nicht realisieren können. Worin liegt der Mangel an effektiver Nachfrage begründet?

Als einen äußerst wichtigen Grund für das Realisierungsproblem führt Marx an, dass die aus dem permanenten Gewinnstreben folgenden ungleichen Verteilungsverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit, wodurch „die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert“ wird, es immer schwer machen, die Produktionsmöglichkeiten tatsächlich auszulasten.[12]

Dieser Hinweis ist sehr wichtig, aber nicht ausreichend. Der Wert der volkswirtschaftlichen Produktion umfasst nämlich im Kapitalismus neben den Lohnbestandteilen immer auch Gewinnanteile. Zwar können ausreichende hohe Löhne die Nachfrage verbessern helfen, aber die Lohneinkommen können als ganze nicht ausreichen, um via Konsum alle produzierten Werte nachzufragen bzw. alle Produkte abzusetzen. Erforderlich ist immer auch eine Nachfrage, die sich aus Gewinneinkommen speist. Sehen wir von den weniger erheblichen Konsumausgaben der persönlichen Gewinneinkommensbezieher ab, so kann die Differenz aus dem gesamtwirtschaftlichen Produktionswert und der Konsumnachfrage der Lohnabhängigen nur durch die Investitionsnachfrage der Unternehmen geschlossen werden. Hier kommen wir aber zu einem weiteren wichtigen Punkt der Marxschen Unterkonsumtionstheorie. Die Profitrealisierung ist nicht nur durch die Konsumschwäche blockiert, die zu geringen Löhnen folgt. Eine weitere Blockade besteht darin, dass die Unternehmen eben wegen dieser geringen Konsumnachfrage selber zu wenig investieren und folglich die Nachfragelücke nicht geschlossen wird. Die beschränkte „Konsumtionskraft“ gründet in zu geringem Konsum der Lohnabhängigen und strukturell zu geringer, disproportionaler Investitionsnachfrage der Unternehmen.

Die These einer strukturell zu geringen Investitionsnachfrage scheint zunächst unvereinbar mit der Marxschen Auffassung, dass der Kapitalismus durch den „Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter“ gekennzeichnet ist. Es handelt sich aber tatsächlich keineswegs um eine Unvereinbarkeit. Zu hohe Investitionen in der Vergangenheit können sehr wohl mit einer zu niedrigen Investitionsnachfrage in der Gegenwart korrespondieren. Die Frage ist vielmehr, aus welchem Grund eine solche Korrespondenz eintreten kann. Im Marxschen Werk finden sich unterschiedliche Hinweise, der Streit wird schließlich zwischen unterschiedlichen marxistischen Schulen ausgefochten, und zwar vor allem mit Blick auf die Frage, warum seit den 70er Jahren die Wachstumsraten des Kapitalismus rückläufig sind.

Jene, die die Marxsche These einer strukturellen Krisenanfälligkeit des Kapitalismus unterkonsumtheoretisch deuten, betonen, dass die Investitionen zum einen infolge eines politisch-sozialen

„Unvermögen(s), für eine Ausweitung des individuellen und kollektiven Konsums zu sorgen“,[13]

zu gering steigen und daher die Nachfragelücke durch Konsumzurückhaltung nicht schließen würden. Zum anderen schlussfolgern sie vom veränderten technischen Fortschritt mit seinem hohen Automatisierungsgrad, dass Erneuerungsprozesse der Produktion nicht nur mit weniger Arbeitenden (Rationalisierung), sondern auch mit Einsparung von Kapital eingeleitet würden. Investitionen schlössen also auch deshalb nicht die Lücke, weil sie infolge von Automation in geringerem Umfang getätigt werden müssten.

Eine andere marxistische Richtung argumentiert überakkumulationstheoretisch mit dem tendenziellen Fall der Profitrate p‘, die von Marx als Quotient von Mehrwert im Zähler und der Summe aus Kapital- und Lohnkosten im Nenner definiert wird: p‘ = m / (c + v). Formt man um, ergibt sich: p‘ = m/v / (c/v + 1). Marx geht nun davon aus, dass die organische Zusammensetzung des Kapitals c/v aufgrund gegenseitiger Konkurrenz und des permanenten Versuchs von Unternehmen, durch Modernisierung kurzfristige Extraprofite zu erzielen, steige. Dies für sich genommen sorgt dafür, dass die Profitrate unter Druck gerät. Dies könnte aber noch durch eine steigende Profitquote[14] m/v via Umverteilung von unten nach oben kompensiert werden. Da die Profitquote jedoch, so Marx, weniger stark steige als die organische Zusammensetzung, falle die Profitrate.[15] Würde die Profitrate tatsächlich fallen, was allerdings innerhalb der marxistischen Theorie umstritten ist,[16] hätte dies zur Folge, dass Unternehmen wegen einer tendenziell fallenden Profitrate die Investitionsnachfrage einschränken würden – es herrschte strukturelle Überakkumulation. Investitionen schlössen die Lücke unzureichenden Konsumniveaus letztlich deswegen nicht, weil die Profitrate den Unternehmen im Vergleich zum Nominalzins, den eine alternative Anlage auf dem Kapitalmarkt abwirft, zu gering erscheine, um reale Erweiterungsinvestitionen zu tätigen.[17]

Keynes wiederum argumentiert über die Nachfrage, und zwar sowohl über die ungleichen Verteilungsverhältnisse als auch über die Annahme, dass die Menschen aufgrund einer anthropologischen Sparneigung und von Sättigung mit steigendem Einkommen überproportional mehr sparen. Im reifen Kapitalismus führe dies, so Keynes, zu Konsumzurückhaltung und folglich auch zu Investitionsminderung. Weil die Ersparnisse die Investitionen überstiegen,[18] komme es immer wieder zu Produktionseinschränkungen, die das Wachstum in prosperierenden Branchen begleiteten und so das gesamte Wachstum dämpften.

In Keynes‘ Nachfolge stehende Wachstumstheoretiker haben schließlich einen weiteren Aspekt ins Spiel gebracht: Investitionen waren gestern noch Nachfrage, führen heute aber zu Kapazitätserweiterung. Letztere erfordert heute eine Mehrnachfrage durch weitere Investitionen, die morgen wieder die Kapazitäten erhöhen. So werde das Problem produziert, dass das Angebot der Nachfrage strukturell davoneilen könne. Gerade in engen Märkten, in denen bei hoher Konkurrenz um Marktanteile gekämpft werde, könnten Unternehmen in der Vergangenheit ihre Produktionsmöglichkeiten deutlich über den Marktbedarf hinaus ausgedehnt haben, um Marktanteile von Konkurrenten übernehmen und ihre Stückkosten senken zu können.[19] Die Folge sei dann irgendwann: Produktionseinschränkung!

Es lassen sich also folgende Krisenursachen anführen:

1) zu geringe Konsumnachfrage aufgrund antagonistischer Verteilungsverhältnisse, zunehmender Sparbedürfnissen sowie steigender Sättigungstendenzen;

2) unzureichende Investitionsnachfrage aufgrund geringen Konsums, hoher Automation sowie ggf. fallender Profitraten bei konstanten Zinsen;

3) hieraus folgend geplante Ersparnisse, die höher sind als die geplanten Realinvestitionen, so dass Produktionseinschränkungen folgen;

4) bedarfswidrige Ausweitungen der Produktionsmöglichkeiten, die zu Überkapazitäten und Produktionseinschränkungen führen;

5) ergänzend konjunkturelle Krisen. Sichtbarer Ausdruck der Krise ist stets, dass die effektive Nachfrage schließlich geringer als das potentielle Angebot ist. Und dieses systemische Grundproblem verortet sich natürlich auch im anarchischen Charakter des Kapitalismus.

Offenbar überlagern sich konjunkturelle und strukturelle Ursachen, und es ist nur sehr schwer möglich, eine auftauchende Krise genau einer Krisenursache zuzuschreiben. Bei Opel treffen ebenfalls mehrere Ursachen aufeinander, von denen einige genannt werden sollen: Die Automobilkonzerne befinden sich in so großer Konkurrenz, dass der Zwang zur Modernisierung zu sehr hohen Kosten für Forschung und Entwicklung geführt hat, die nur bei großen Absatzzahlen wieder als Erträge zurück erworben werden können. Jeder Konzern versucht daher die Produktionsmöglichkeiten auszudehnen, um Konkurrenten übernehmen zu können und durch Stückkostendegression Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Aber die allgemeine Verteilungsproblematik, Überersparnis und Sättigung sowie die die Nachfrage kürzende Investitionszurückhaltung in anderen Branchen bremsen den Verkauf des Konsumgutes Auto. Es kommt zur Krise, und sie trifft denjenigen Anbieter, dessen ökonomische Gesamtperformance aktuell am schlechtesten ist.

Die Rolle der Politik

Es wurde bereits erwähnt, dass der Staat als allgemeine Instanz die Möglichkeit besitzt, über Gebote, Verbote, Richtlinien, Gesetze und eine eigenständige politische Praxis effektiv die makroökonomischen Strukturen zu beeinflussen. Jedoch ist diese Möglichkeit solange begrenzt, wie in der Gesellschaft die Dominanz des Privateigentums an Produktionsmitteln unangetastet bleibt, denn solange wird der Zusammenhang aus Profitmaximierung und Konkurrenz immer wieder allen Menschen den strukturellen Imperativ der Kapitallogik mit der Folge der Gewinnabhängigkeit in Teilbereichen der Lebensverhältnisse aufzwingen. Der Sozialismus als „Verein freier Menschen“,[20] als Gesellschaft, in der die Menschen ihre Verhältnisse bewusst steuern und regeln, statt von ihren Verhältnissen beherrscht zu werden, muss daher Ziel jungsozialistischer Politik bleiben.

Leider ist dieses Ziel in nächster Zeit noch nicht durchsetzbar. Der Blick ist also auf reformerische Möglichkeiten zu werfen. Wenn es die sich durch das Handeln vieler ergebende Struktur aus Konkurrenz und Profit ist, die den Menschen als ein für menschliche Ziele blinder Sachzwang entgegen tritt, muss es Aufgabe der Politik sein, zum einen über staatliches Handeln die Profitrealisierung zu verbessern, zum anderen die Konkurrenz über einheitliche staatliche Standards zu reduzieren und schließlich die Profitdominanz zurückzudrängen.

Nimmt man diese Leitlinien zum Maßstab, ist jedoch die Politik der meisten europäischen Regierungen, inklusive der rot-grünen Bundesregierung, zu kritisieren. Kommen wir zur Profitrealisierung: Rot-Grün hat über fiskalpolitische Angebotsverbesserungen und Umverteilung von unten nach oben die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage und damit die Probleme bei der Profitrealisierung deutlich verschärft. Die Schwächung der Gewerkschaften über Deregulierung und Sozialabbau und die Einschnitte in die sozialen Sicherungssysteme erhöhen neben ihren unsozialen Auswirkungen das Problem der Profitrealisierung ein weiteres Mal. Kommen wir zur Konkurrenz: Die Liberalisierung des Warenverkehrs bei gleichzeitigem Verzicht auf Absprachen in allen Rechtsgebieten, etwa der Steuern, trägt dazu bei, dass die Konkurrenz intensiviert statt eingeschränkt wird. Die beschriebene Schwächung der Gewerkschaften trägt zur Verschärfung der Konkurrenz unter den Lohnabhängigen erheblich bei. Kommen wir zur Profitdominanz: Privatisierungen sorgen im Rahmen eines den Welthandel liberalisierenden Umfelds (WTO, GATS, EU) dafür, dass die Profitdominanz vergrößert statt reduziert wird. Gemessen am Notwendigen scheitert Rot-Grün auf ganzer Linie.

Eine andere Politik tut also not. Ein wichtiger Schritt auf nationaler Ebene ist eine andere Wirtschaftspolitik, die die Erhöhung der Binnennachfrage, die Verkürzung der Arbeitszeit und mehr reguläre öffentliche Beschäftigung zum Ziel hat. Grundlage einer solchen Politik ist eine Umverteilung von oben nach unten durch eine Erhöhung der Brutto- und Nettolohnquote, vor allem in Bezug auf das untere und mittlere Einkommenssegment, eine Anhebung der öffentlichen Transferleistungen, eine spürbare Senkung der Arbeitszeit mit Lohnausgleich, eine Ausdehnung regulär-tarifierter öffentlicher Beschäftigung sowie durch Investitionen in Gesundheit, Bildung, Ökologie und Kultur. Eine solche umverteilende Politik ist unabdingbar für einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine humane Entwicklung der Gesellschaft.

Dazu ist neben der Erhöhung der Bruttolöhne eine Ausdehnung der staatlichen Einnahmen von Nöten. Daher ist das Steuersystem stärker an der Leistungsfähigkeit zu orientieren, indem die BezieherInnen hoher Einkommen und Vermögen sowie die Unternehmen stärker zur Finanzierung staatlicher Aufgaben herangezogen werden. Höhere Löhne und höhere Einkommensteuern sind keineswegs beschäftigungshemmend. Im Gegenteil ist neben der Wiedereinführung der Vermögen- und der Revitalisierung der Erbschaftsteuer die Wiederanhebung des Spitzensteuersatzes und der Körperschaftssteuer ein notwendiger Schritt. Denn die Erhöhung von Löhnen, sozialen Leistungen und öffentlichen Investitionen sorgt über eine höhere Binnennachfrage für eine Ausdehnung von Beschäftigung und Prosperität. Die Vermeidung von Armut erfordert die deutliche Anhebung der Soziahilfe und die Beibehaltung des bisherigen Arbeitslosenhilfesatzes bei gleichzeitiger Abschaffung der Zumutbarkeitskriterien, denn nur so kann der Absturz in Armut verhindert, die Einführung eines Niedriglohnssektors vermieden und die Sicherung eines faktischen Mindestlohns garantiert werden. Der Druck auf die ArbeitnehmerInnen wird so vermindert und ihre Kampfbereitschaft erhöht.

Um das Geschriebene praktisch und exemplarisch zu erläutern: Lohnsenkung bei Opel mag im Rahmen eines Deals für eine kurze Zeit Entlassungen bei Opel verhindern, aber auf gesamtwirtschaftlicher Ebene werden Stagnation und Arbeitslosigkeit hierdurch verschärft. Und wenn andere Automobilunternehmen nachziehen sollten, wird das gesamtgesellschaftliche Problem von Unterkonsumtion und Überakkumulation deutlich intensiviert werden. SozialistInnen müssen Gewerkschaften daher sowohl aus interessenbezogener wie auch aus makroökonomischer Sicht dabei unterstützen, auf der Ebene der Primärverteilung höhere Löhne durchzusetzen, um die Überakkumulation zu entschärfen – auch und gerade bei Opel.

Eine solche makroökonomische Politik wird aber stets dadurch gefährdet, dass das einzelne Unternehmen darauf verweist, dass es selber eben kein makroökonomischer Akteur und dem Druck durch besser gestellte andere Unternehmen ausgesetzt sei. Abgesehen davon, dass hier Übertreibungen und Erpressungen eine große Rolle spielen und daher den Worten der Kapitalseite keineswegs per se geglaubt werden darf – denn das einzelne Unternehmen will stets durch niedrigere Löhne seine Gewinne erhöhen –, spielt die Konkurrenz aber auch tatsächlich eine beträchtliche Rolle. Bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und die Verbreitung von Instrumenten zur Durchsetzung gesellschaftlicher Ziele werden erst durch die Verringerung der Konkurrenz in diesen Bereichen, also durch gleiche Standards in allen Unternehmen ermöglicht. Instrumente dazu sind etwa Flächentarifverträge oder die Ausbildungsplatzumlage. Linke müssen die Gewerkschaften durch politische Maßnahmen und medial darin unterstützen, diese Ziele durchzusetzen. Überdies ist es von eminenter Bedeutung, dass es den Gewerkschaften gelingt, ihre Tarifpolitik wenigstens zu europäisieren sowie die Betriebsverfassungsstruktur europäisch abzustimmen und zu erweitern. Dass es bis dahin noch ein steiniger Weg ist, ist genauso richtig wie die Tatsache, dass dieser Weg begangen werden muss.

Die Eindämmung der Konkurrenz ist jedoch auch auf europäische politische Standards angewiesen. Die europäischen Steuersysteme müssen koordiniert werden, um Steuerdumping von Unternehmen einzudämmen. Die nationalen Steuersätze für Großunternehmen und Spitzeneinkommen dürfen etwa – bei Beachtung von Entwicklungsunterschieden – bestimmte Werte nicht unterschreiten. Erforderlich ist ebenso ein Verbot steuerschädlichen Wettbewerbs, indem ausländische Dividendenzuflüsse an Unternehmen nicht mehr von der Steuer befreit werden. Die Vermeidung der Steuerverlagerung in niedrig besteuerte Länder ist dabei durch Erfassung sämtlicher Einkünfte unabhängig vom Ort der Entstehung möglich. Und um die europäischen Lebensverhältnisse nach oben anzugleichen und auf ein qualitativ höheres Niveau anzuheben, braucht es auch auf europäischer Ebene wenigstens ein Investitionsprogramm in qualitativen Wachstumsfeldern, auf lange Sicht auch eine Konvergenz der sozialen Sicherungssysteme. Last but not least müsste auf der Ebene der Geldpolitik die EZB endlich eine Politik niedrigerer Zinsen praktizieren, da sie auch und vor allem der Beschäftigungsschaffung statt der einseitigen Fixierung auf Geldwertstabilisierung verpflichtet sein sollte.

Ein kleiner Schluss

Manche SozialistInnen weisen darauf hin, dass staatliche Politik im Kapitalismus selber formbestimmt und so der Kapitalakkumulation statt menschlichen Bedürfnissen verpflichtet sei. Wahrhaftig menschliche Verhältnisse seien auf die Überwindung des Kapitalismus und das Absterben des Staates angewiesen. Hieran ist einiges wahr, einiges aber auch falsch.

Selbstredend ist der Staat weder neutraler Raum noch gar eine Plattform für linke Wunschkonzerte. Und sicherlich dient der Staat, solange es Kapitalismus gibt, auch Erfordernissen der Kapitalakkumulation. Dennoch lässt sich daraus nicht schließen, dass es keine Spielräume für Politik gäbe. Im Gegenteil zeigt gerade die momentane Politik des Sozialabbaus, bei der sozialstaatliche Errungenschaften der Vergangenheit abgebaut werden, dass der Staat ein umkämpftes Feld gesellschaftlicher Regulierung war und ist. Die zivilgesellschaftlichen Akteure und Kräfte streiten also darum, welche Standards auf kapitalistischer Basis staatlich etabliert werden. Staatliche Politik ist folglich weder statisch noch monolithisch.

Die These, die hier vertreten wird, lautet, dass der in der Tat notwendige Kampf für eine andere, sozialistische Gesellschaftsordnung um so eher erfolgreich ist, je stärker progressive Kräfte bereits heute in der Lage sind, bessere Standards im Kapitalismus zu etablieren. Adornos Leitspruch

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“[21]

ist zwar wahr. Aber zum einen gibt es größere und eben auch kleinere Zumutungen des falschen Lebens. Und zum anderen ist die Minderung der kapitalistischen Zumutungen eine Voraussetzung zum Erkämpfen des richtigen Lebens, wenngleich sich die naive Vorstellung eines einfachen, harmonischen, graduellen Übergleitens vom falschen ins richtige Leben verbietet.

Schließlich wird auch eine sozialistische, freie Gesellschaft ohne Profit und Konkurrenz auf zentrale Strukturen angewiesen sein. Diese werden zwar auf die repressiven Funktionen, die die Kapitalverwertung sichern, verzichten können, aber es bleiben zentrale Strukturen, über deren Verhältnis zur Freiheit Marx sagte:

„Die Freiheit besteht darin, den Staat aus einem der Gesellschaft übergeordneten in ein ihr durchaus untergeordnetes Organ zu verwandeln“.[22]

Die richtige staatskritische, auf Systemüberwindung ausgerichtete Haltung ist mit einer linksreformerischen Praxis vereinbar, wenn sich die Haltung nicht auf letztere beschränkt. Sowohl für die linksreformerische Praxis als auch für die Einsicht in die Notwendigkeit der Systemüberwindung ist die Beschäftigung mit den kapitalistischen Krisen von hoher Bedeutung. Schon wahr – die Krisen im Kapitalismus sind ein schwieriges Feld. Aber Jusos müssen sich hier Kompetenzen aneignen und kritische Alternativszenarien entwickeln, wenn sie an ihrem Ziel der Emanzipation der Menschen von gesellschaftlichen Zwängen festhalten möchten.

Literaturangaben

[1] von Oertzen, Peter: Grundsatzprogramm und politische Strategie des Sozialismus, in: 13 Wortmeldungen zur PDS-Programmdiskussion, Beilage zur Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 46, Juni 2001, S. 18.

[2] Mit dem Begriff der Charaktermaske bezeichnet Marx die bestimmte Form, die die gesellschaftliche Struktur des Kapitalismus mit all ihren Bedingungen dem menschlichen Handeln aufzwingt. Vgl. hierfür exemplarisch die Textstelle in Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band, in: MEW 23, S. 91. Hinzuweisen ist aber darauf, dass Marx den Begriff der Charaktermaske nicht nur zur Beschreibung der Formbestimmtheit menschlichen Handelns verwendet hat, sondern auch mit Blick auf die kapitalistische Formbestimmtheit von etwa Produktionsmitteln; vgl. hierzu Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band, a. a. O., S. 635. Es gilt also, dass die durch den kapitalistischen Tausch von Sachen bestimmte gesellschaftliche Struktur den Handlungen der Menschen und den Sachen eine bestimmte sachliche Form verleiht. Einen interessanten Überblick zur Thematik liefert Elbe, Ingo: Thesen zum Begriff der Charaktermaske, in: http://www.rote-ruhr-uni.com/texte/elbe_charaktermaske.pdf.

[3] Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band, a. a. O., S. 618.

[4] von Oertzen, Peter: Grundsatzprogramm, a. a. O., S. 17 f.

[5] Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW 8, Berlin/DDR 1962, S. 115.

[6] Ebenda.

[7] Selbstredend kann die Konkurrenz je nach Marktregime – Monopol, Dyopol, Oligopol, monopolistische Konkurrenz usw. – verschiedene Formen annehmen, aber es ist und bleibt Konkurrenz.

[8] Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW 21, Berlin/DDR 1962, S. 297.

[9] Keynes, John M.: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936, S. 268 f.

[10] Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band, a. a. O., S. 649.

[11] Marx, Karl: Das Kapital, Dritter Band, in: MEW 25, Berlin/DDR 1983, S. 254.

[12] Dies verdeutlicht, dass die These eines in einer bestimmten Konjunkturphase für die Verwertung zu hohen Lohnniveaus mit der These eines strukturell zu niedrigen Lohnniveaus durchaus vereinbar ist. Entgegen der Annahme neoklassischer und vulgärmarxistischer Provenienz wird in diesem Beitrag die langfristige und also strukturelle Profitproblematik im Spätkapitalismus nicht in zu hohen Löhnen, die die Profitproduktion erschweren würden, verortet, sondern in zu niedrigen Löhnen, die die Profitrealisierung erschweren.

[13] Schui, Herbert: Unterkonsumtion? Überakkumulation?, Diskussion mit Klaus-Peter Kisker und Herbert Schui über die Ursachen der Wirtschaftskrisen, in: Zeitschrift Sozialismus, Nr. 2/98, S. 25.

[14] Marx spricht statt von der Profitquote von der Mehrwert- bzw. der Ausbeutungsrate.

[15] Marx geht beim Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nicht direkt von Realisierungsproblemen aus, sondern nimmt zunächst an, dass die Produkte abgesetzt werden. Die Profitrate sinkt dann aus technischen und Verteilungsgründen trotz gelingender Absätze. Die Realisierungsproblematik ist also nach dieser Marxschen Erklärung Folge der sinkenden Profitrate und der hierdurch verursachten Dämpfung der Investitionstätigkeit.

[16] Gegen die prinzipielle Gültigkeit der Marxschen These vom tendenziellen Fall der Profitrate argumentiert z. B. Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, 2. Auflage, Münster 2001, S. 327-341.

[17] Vgl. Kisker, Klaus Peter: Strukturelle Überakkumulation und Krise der Erwerbsarbeit, in Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 31, September 1997, S. 63 f.

[18] Vgl. Keynes, John Maynard: Das Langzeitproblem der Vollbeschäftigung, in: Reuter, Norbert: Wachstumseuphorie und Verteilungsrealität. Wirtschaftspolitische Leitbilder zwischen Gestern und Morgen. Mit Texten zum Thema von John Maynard Keynes und Wassily Leontief, Marburg 1998, S. 140.

[19] Vgl. Zinn, Karl Georg: Konjunktur und Wachstum, 4. Auflage, Aachen 2000, S. 204, 213, 228.

[20] Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band, a. a. O., S. 92.

[21] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, I, 18, Frankfurt am Main 1997.

[22] Marx, Karl: Kritik des Gothaer Programms, in: MEW 19, Berlin/DDR 1962, S. 27.

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