Rezension: Das Wissen vom Geld

Martin Schürz / Beat Weber: Das Wissen vom Geld: Auf dem Weg zum Finanzbürgertum. Wien: Nausner & Nausner Verlag. Wien: Promedia Verlag, 2008. 123 Seiten. 12 € . ISBN 978-3-901402-13-5.

„Das Bildungsbürgertum kehrt als Leitbild zurück. Doch das Wissen um den Kanon literarischer Klassiker, gepaart mit kultiviertem Auftreten, rückt zugunsten von Finanzwissen und souveränem Finanzverhalten beim Portfoliomanagement in den Hintergrund. Finanzwissen wird zum gesellschaftspolitischen Credo, Distinktionsmerkmal und zur Überlebenshilfe. Das Finanzbürgertum will sich vom unwissenden Pöbel unterscheiden, und sich im Gegenzug weniger an der Abfederung von dessen Unglück finanziell beteiligen“, so lautet das Fazit des Buches „Das Wissen vom Geld“ der beiden österreichischen Autoren Martin Schürz und Beat Weber.

Die Individualisierung sozialer Risiken ist das zentrale Topos des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ heißt es, und der Staat solle hier möglichst wenig eingreifen. Vielmehr sollen alle Lebensbereiche zunehmend dem Wettbewerb überlassen werden. Konsequenterweise setzen Verfechter/innen des Neoliberalismus daher auf Teilhabe- bzw. Chancengleichheit und nicht auf das Ziel der Verteilungsgerechtigkeit. In einer pervertierten Eigenverantwortlichkeitsrhetorik werden dem/der Einzelnen die Konsequenzen für die Risiken des Lebens wie Arbeitslosigkeit, Alter und Krankheit zugeschrieben. Genau hier setzt das Buch von Schürz und Weber ein, in dem sie die Konsequenzen der „Finanzialisierung“ der Gesellschaft beschreiben. Ausgehend von der These, dass „individuelles Glücksstreben [.] heute über materiellen Erfolg normiert“ wird und somit der Erfolg soziale Privilegien im Nachhinein legitimiert (S. 15) zeichnen Schürz und Weber die zentralen Themen und diskursiven Verschiebungen der jüngsten Vergangenheit nach. Durch eine konsequente Ausrichtung auf eine vermeintliche Chancengleichheit (im Sinne der gleichen Spielregeln für alle) wird versucht, Verteilungskorrekturen und Sozialausgaben zunehmend die Legitimation zu entziehen. Dass formale Chancengleichheit nicht die Lösung struktureller Ungleichheiten sein kann, wird von den Autoren ebenso herausgearbeitet wie auch die Feststellung, dass auch das von vielen Sozialdemokrat/innen präferierte Bildungsideal kein Ersatz für Umverteilungsmaßnahmen sein kann:

„In der öffentlichen Debatte konkurrieren strukturelle Erklärungen menschlichen Handelns mit individualisierten Zuschreibungen von Verantwortung. Soziale Ungleichheit kann verstanden werden als Resultat eines individuell zu verantwortenden Verhaltens, sodass Reichtum bzw. Armut den Betroffenen verdientermaßen zukommt. Oder die Position in der sozialen Hierarchie wird verstanden als Effekt von strukturellen Ursachen, wie etwa ungleicher Startbedingungen, unter denen Individuen am Markt aufeinander treffen. Von der Antwort auf diese Fragen hängt ab, wie die Wirtschaftspolitik auf soziale Ungleichheit reagiert. Individuelle Bildung oder Umverteilung sind dann die konkurrierenden wirtschaftspolitischen Lösungsansätze.“

Die Zentralität dieser Frage wird am Beispiel der Erbschaftssteuern ausgeführt. Über den Hebel des verdienten Einkommens des Mittelstandes ist es gelungen, die Erbschaftssteuer in Österreich zu desavouieren. Diese läuft zum 1. August vollständig aus, auch weil es möglich war, diese Steuer als eine leistungsfeindliche Mittelschichtssteuer darzustellen. Obwohl in Österreich 56 % des Erbschaftssteueraufkommens im Jahr 2006 von gerade einmal etwa 2.000 Personen oder 3 % der Erbfälle aufgebracht werden „mussten“ – die größten fünf Erbfälle zeichneten sich für 22,4 % der Erbschaftssteuereinnahmen verantwortlich – gelang eine Verengung des Diskurses auf Omis Häuschen und die Behauptung, Erben sei Familiensache (S. 51f.). Die Familie habe schließlich etwas geleistet, und daher sei es auch gerecht, dass auf das Erbe keine Steuer zu bezahlen ist. Auch wenn der Großteil der Österreicherinnen und Österreicher nicht oder nur marginal von der Steuer betroffen ist bzw. sein wird, scheint man zu glauben, ebenfalls Reichtum anhäufen zu können und dann um die eigene „Leistung“ gebracht zu werden. Denn schließlich habe jede und jeder das Recht, über sein respektive ihr Eigentum frei zu verfügen; hierbei solle sich der Staat zurückziehen.

Wie weit diese, von den Neoliberalen gepredigte Ideologie um die Wahlfreiheit inzwischen verankert ist beschreiben Schürz und Weber am Beispiel der Rentenversicherung: Nicht der Staat soll über diese Verfügen, sondern das Individuum selbst. Man solle also „frei“ die Altersvorsorge wählen können – mit allen Risiken. Da dieses Alterssparen nicht so richtig in Schwung kommt, wird nun über eine verpflichtende Vorsorgung nachgedacht: „Der Zwang zur Wahlfreiheit ist ein ungewollt ironischer Kontrapunkt zur naiven emphatischen Rede von der individuellen Freiheit“ (S. 63). Zwar ist Unsicherheit über das staatliche Rentensystem und nicht die Erwartung einer höheren Rendite das Movens vieler Sparer/innen (vgl. S. 65), die Stoßrichtung ist aber klar: Jede/r, der/die nur etwas Risikobereitschaft aufweist, kann es schaffen – Chancengleichheit eben. Das allerdings reiche Menschen im Falle einer Fehlinvestition noch immer Vermögen haben, das sie investieren können – der Schaden ist also begrenzt und kann evtl. wieder gut gemacht werden – steht „der Arbeiter“, der sein mühsam Erspartes in die „falsche“ Pensionskasse gesteckt hat, ohne Rente da. Die staatlichen Systeme wurden schließlich der Wahlfreiheit geopfert. Schürz und Weber machen am Beispiel Großbritanniens deutlich, was es heißt, die Rente zu privatisieren. Neben Betrügereien haben hier Pleiten von Pensionsversicherungen zur Altersarmut beigetragen. Auch hier gilt also: Die Privatisierung der Altersvorsorge ist nicht im Interesse der breiten Masse – aber mit dem Pathos der Freiheit und der Eigenverantwortung wird dies übergangen.

Die Individualisierung sozialer Risiken schreitet immer weiter voran und zur Legitimierung dieser Privatisierungen bedarf es neuer Techniken. Der Wohlfahrtsstaat soll immer weniger für soziale Risiken aufkommen, da die finanzwissenschaftlich geschulte Bevölkerung eben selbst für Ihre Risiken haftet. Finanzbildung ist daher ein zentraler Topos der Neoliberalen und die Forderungen, Wirtschaftswissenschaften schon in der Schule zu unterrichten, nehmen zu. Das Ziel dieser Maßnahmen beschreiben die Autoren wie folgt: „Sofern alle in Frage kommenden Gruppen Finanzbildung erhalten haben, ist jede/r Betroffene selbst dafür verantwortlich, dieses Wissen zum persönlichen Nutzen einzusetzen, und hat sich etwaigen Versagen selbst zuzuschreiben“ (S. 108). Wir sollen uns und unser (nicht vorhandenes) Geld also selbst managen, anstatt auf den Sozialstaat zu vertrauen, so die Botschaft. Das Risiko der absoluten Verarmung gehört demnach zum Leben dazu und statt dieses staatlich abzusichern wird den Laien ein vermeintliches Finanzwissen „beigebracht“, dass sie aber noch lange nicht vor Fehlentscheidungen, Betrug und falschen Überlegungen schützt. Die Chancen – so heißt es in der Propaganda – seien schließlich für alle gleich.

Martin Schürz und Beat Weber gebührt der Verdienst, ein wichtiges Thema aufgegriffen und gut leserlich dargestellt zu haben. Das Buch eignet sich dabei insbesondere auch für Leserinnen und Leser, die einen Einstieg in die Thematik suchen.

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