Sind ausreichende Privatinvestitionen bei hoher Lohnquote möglich?

Die ökonomische und technische Infrastruktur in D liegt qualitativ unter dem Niveau, das den Herausforderungen der Zukunft angemessen ist. Investitionen sind geboten in Digitalstruktur; sozialökologische Produktion, Energieversorgung, Mobilität; gute Verwaltung, Gesundheit, Pflege, Bildung – für die breite Bevölkerung.

Hierzu wird die öffentliche Hand massiv investieren und bislang privat angebotene Bereiche in Eigenregie bereitstellen müssen. Sie wird aber auch durch monetäre und fiskalische Impulse, Lenkungssteuern und Ordnungsrecht indirekte Vorgaben für bestimmte private Ausgaben und Investitionen setzen müssen.

Doch Progressive sollten auch eine Position zur Rentabilität als direkter Orientierungsgröße für private Investitionen entwickeln. Nehmen wir zunächst an, es wäre erforderlich, als öffentliche Hand eine Mindestrentabilität bei Privatinvestitionen zu sichern.

Diese Annahme mag zweifelhaft sein, aber wir treffen sie dennoch, um folgendes Problem besprechen zu können. Wenn Progressive zurecht auf gute Löhne Wert legen: Stehen dann eine hohe Lohnquote und ein Mindestniveau an Rentabilität in Widerspruch zueinander? Wir wollen dies erst theoretisch anreißen.

1 Theoretischer Anriss

Die gesamtwirtschaftliche Rentabilität r ist der Quotient von Gesamtgewinn G und Gesamtkapital K:

r=GK

Die Profitquote p ergibt sich als Quotient von Gesamtgewinn G und Einkommen Y, also:

p=GY

Es folgt:

r=p·YK

Definiert man den Kapitalkoeffizienten k als Quotienten von Gesamtkapital K und Einkommen Y, also:

k=KY

so erhält man:

r=pk=ProfitquoteKapitalkoeffizient

Die Lohnquote w ergibt sich aus:

w=1p

Also gilt:

r=1wk

Zur Klarstellung: Es handelt sich bei k um den empirischen Kapitalkoeffizienten in Bezug auf das tatsächliche Einkommen, nicht auf das Produktionspotential.

Die Antwort auf die Frage, wie sich die Rentabilität als Quotient von Profitquote und Kapitalkoeffizient entwickelt, hängt von theoretischen Annahmen ab.

1.1 Kurzsichtigkeit

Es sind des Öfteren Konservative, die kurzsichtig sagen: Es müsse die Lohnquote sinken, denn nur dann steige die Profitquote im Zähler und ceteris paribus die Rentabilität. Folglich werde nur dann mehr privat investiert werden.

Aber diese Argumentation geht stillschweigend davon aus, dass Lohnquote und Kapitalkoeffizient voneinander unabhängig seien. Dies muss aber nicht so sein. Wir müssen dies erst prüfen und leiten daher die Rentabilität total nach der Lohnquote ab.

drdw=rw·dwdwdirekter Effekt+rk·dkdwindirekter Effekt

drdw=rwdirekter Effekt+rk·dkdwindirekter Effekt

Die Argumentation der Kurzsichtigen sieht nur den direkten, negativen Effekt und unterstellt einen indirekten Effekt von null:

drdw=rw<0+rk·dkdw=0<0

Wenn Lohnquote und Kapitalkoeffizient voneinander unabhängig wären, würde nur eine sinkende Lohnquote die Profitquote im Zähler der Rentabilitätsformel und damit die Rentabilität bei unverändertem Kapitalkoeffizienten im Nenner steigen lassen.

1.2 Kann die Investitionsnachfrage steigen?

Die Kurzsichtigkeit übersieht aber: Bei sinkender Lohnquote kann durch unzureichende Nachfrage der Kapitalkoeffizient k = K/Y wegen unausgelasteter Kapazitäten steigen.

Umgekehrt gilt dann aber: Bei steigender Lohnquote kann durch hohe Nachfrage der Kapitalkoeffizient k = K/Y wegen gut ausgelasteter Kapazitäten so sehr sinken, dass die Rentabilität durch diesen indirekten Effekt in Summe steigt. Dann gilt:

drdw=rw<0+rk·dkdw>0>0

Wenn der indirekte und positive Effekt eines sinkenden Kapitalkoeffizienten stärker ist als der direkte und negative einer sinkenden Profitquote, steigt die Rentabilität mit steigender Lohnquote.

Doch wir sollten genau formulieren. Wann sorgt eine steigende Lohnquote überhaupt für eine hohe Nachfrage? Dies ist dann der Fall, wenn die summierte Nachfrage aus Konsum, Investitionen, Staat und Exportüberschuss kräftig steigt.

Dass der Konsum bei höherer Lohnquote steigt, liegt auf der Hand. Wie steht es aber um die Investitionen? Die sogenannte unterkonsumtheoretische Sicht unterstellt, dass ein geringer Konsum geringe Investitionen zur Folge hat. Marx lässt an der einen oder anderen Stelle seines Werks eine solche unterkonsumtheoretische Sicht durchscheinen:

„Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ [Marx, Karl: Das Kapital, Band III, in: MEW 25, S. 501]

Umgekehrt heißt dies, dass eine lohninduziert steigende Konsumnachfrage in einem gewissen Korridor weitere Investitionen nach sich zieht. Eine steigende Lohnquote erhöht in diesem Ansatz also die Konsum- und zudem die Investitionsnachfrage.

Es fiele also bei hohen Löhnen zwar die Gewinnquote, aber zugleich würden bei sinkendem Kapitalkoeffizienten Einkommen, Gesamtgewinne und Rentabilität steigen.

1.3 Was, wenn mit der Zeit die Investitionsnachfrage schwächer steigt?

Es wurde formuliert, dass eine lohninduziert steigende Konsumnachfrage in einem gewissen Korridor weitere Investitionen nach sich zieht. In welchem Korridor aber?

Es ist vorstellbar, dass eine steigende Lohnquote durch die bessere Kapazitätsauslastung zwar anfänglich weitere Investitionen veranlasst. Steigt die Lohnquote jedoch weiter, könnte die Investitionsnachfrage später nur noch schwach steigen.

Wenn die steigende Lohnquote die Konsumnachfrage treibt, aber die Investitionsnachfrage nur schwach erhöht, sinkt zwar der Kapitalkoeffizienten k = K/Y noch, aber in welchem Grad?

Ob der indirekte und positive Effekt eines sinkenden Kapitalkoeffizienten stärker ist als der direkte und negative der sinkenden Profitquote, ist ungewiss. Ob die Rentabilität steigt oder sinkt, ist also unklar:

drdw=rw<0+rk·dkdw>0><0?

1.4 Was, wenn die Investitionsnachfrage sogar sinkt?

Steigt die Lohnquote jedoch weiter und weiter, könnte die Investitionsnachfrage ab einem bestimmten Kipppunkt, womöglich ergänzt um eine rückläufige Exportnachfrage, so stark sinken, dass die Gesamtnachfrage trotz steigender Konsumnachfrage sinkt.

Wenn die Gesamtnachfrage sinkt, steigt der Kapitalkoeffizienten k = K/Y. Ergo unterstützt der indirekte und negative Effekt über einen nun steigenden Kapitalkoeffizienten den direkten und negativen Effekt der sinkenden Profitquote. Die Rentabilität sinkt bei steigender Lohnquote:

drdw=rw<0+rk·dkdw<0<0

Interessanterweise wird diese Sicht zugleich von Konservativen wie auch von sich links verstehenden Krisentheoretikern vertreten, die eine steigende Lohnquote als Profitklemme (profit squeeze) interpretieren.

1.5 Und nun?

Hier wird die These vertreten, dass die Entwicklung letztlich offen ist.

  1. Bei steigender Lohnquote kann der Kapitalkoeffizient so stark sinken, dass die Rentabilität trotz sinkender Profitquote steigt.
  2. Bei steigender Lohnquote kann der Kapitalkoeffizient nur schwach sinken, so dass die Rentabilität wegen der stärker sinkenden Profitquote in Summe fällt.
  3. Bei steigender Lohnquote kann der Kapitalkoeffizient steigen, so dass die Rentabilität durch eine Verstärkung der ohnehin sinkenden Profitquote fällt.

Wir müssen dies empirisch prüfen.

2 Empirische Ergebnisse

Die Untersuchung der Empirie kann zu laufenden Preisen und preisbereinigt erfolgen. Beide Ansätze werden mit eigenen Rechnungen vollzogen und hier präsentiert.

2.1 Ergebnisse zu laufenden Preisen

Die Untersuchung zu laufenden Preisen hat den Vorteil, dass sie einfach zu handhaben ist und fragwürdige Preisbereinigungen vermeidet. Ihr Nachteil ist jedoch, dass sich in allen Größen Preis- und Mengenkomponenten verbergen und unklar ist, welche Komponente ihre Wirkung entfaltet.

Bei der Untersuchung wurden Daten des Statistischen Bundesamts verwendet. Für das Einkommen wurde nicht das Bruttoinlandsprodukt (BIP nom) zu laufenden Preisen herangezogen, sondern das Volkseinkommen zu laufenden Preisen (VoE nom), das die Arbeitnehmerentgelte von Inländern (W nom) und die Unternehmens- und Vermögenseinkommen (P nom) je zu laufenden Preisen vor direkten Steuern enthält, nicht aber Abschreibungen und um Subventionen bereinigte indirekte Steuern.

Die Lohnquote (w) ergibt sich als Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, die Profitquote (p) als Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen, alles zu laufenden Preisen.

Der nominale Kapitalkoeffizient (k (VoE) nom) wurde ermittelt, indem der Kapitalstock als Bruttoanlagevermögen zu laufenden Preisen (K nom) durch das Volkseinkommen zu laufenden Preisen (VoE nom) dividiert wurde.

Die Rentabilität zu laufenden Preisen (r nom) wurde errechnet, indem die Unternehmens- und Vermögenseinkommen zu laufenden Preisen (P nom) durch den Kapitalstock zu laufenden Preisen (K nom) dividiert wurden. Gemäß Herleitung entspricht dies dem Quotienten von Profitquote (w) und nominalem Kapitalkoeffizienten (k (VoE) nom).

Wie lauten die Ergebnisse zu laufenden Preisen?

Die Jahre 2007 und 2015 zeigen einen Gleichlauf von Lohnquote und Kapitalkoeffizient an und damit den potenziellen Nicht-Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität:

  • 2007 steigt im Vergleich zum Vorjahr einerseits die Profitquote von 35,05% auf 35,49% und andererseits der Kapitalkoeffizient von 7,04 auf 7,23. Da der Kapitalkoeffizient stärker steigt, fällt die Rentabilität bei sinkender Lohnquote. Der potenzielle Nicht-Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität wird tatsächlich eingelöst.
  • 2015 sinkt im Vergleich zum Vorjahr einerseits die Profitquote von 30,80% auf 30,54% und andererseits der Kapitalkoeffizient von 7,82 auf 7,76. Da jedoch die Profitquote stärker sinkt, fällt die Rentabilität bei steigender Lohnquote von 3,941% auf 3,936%. Der potenzielle Nicht-Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität wird doch nicht eingelöst.

Doch klar ist auch: In den 12 anderen Vergleichen gibt es keinen Gleichlauf von Lohnquote und Kapitalkoeffizient und somit einen Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität:

  • Entweder geht eine sinkende Profitquote mit einem steigenden Kapitalkoeffizienten einher, so dass die Rentabilität bei steigender Lohnquote fällt.
  • Oder eine steigende Profitquote geht mit einem sinkenden Kapitalkoeffizienten einher, so dass die Rentabilität bei sinkender Lohnquote steigt.

2.2 Ergebnisse bei Preisbereinigungen

Die Untersuchung mit Preisbereinigungen hat den Vorteil, dass sie die Preisentwicklung ausschaltet und sich auf die Wirkung von Mengenentwicklungen konzentriert. Überdies steht sie im Einklang mit dem Statistischen Bundesamt, das den Kapitalkoeffizienten preisbereinigt ausweist. Ihr Nachteil ist jedoch, dass sie nicht einfach zu handhaben ist, da sie bei Einkommen und Kapitalstock mit unterschiedlichen Preisbereinigungen operieren muss. Überdies müssen die Verteilungsquoten aus nominalen Größen ermittelt und anschließend auf ein preisbereinigtes Einkommen angewendet werden.

Bei der Untersuchung wurden Daten des Statistischen Bundesamts verwendet. Für das Einkommen wurde nicht das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP real) herangezogen, sondern das mit dem BIP-Deflator preisbereinigte Volkseinkommen (VoE real), das die Arbeitnehmerentgelte von Inländern (W real) und die Unternehmens- und Vermögenseinkommen (P real) preisbereinigt vor direkten Steuern enthält, nicht aber Abschreibungen und um Subventionen bereinigte indirekte Steuern.

Die Lohnquote (w) ergibt sich als Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, die Profitquote (p) als Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen, und zwar alles zu laufenden Preisen.

Mit diesen nominalen Quoten werden die preisbereinigten Arbeitnehmerentgelte von Inländern (W real) und die preisbereinigten Unternehmens- und Vermögenseinkommen (P real) rückwärts aus dem preisbereinigten Volkseinkommen (VoE real) ermittelt.

Der preisbereinigte Kapitalkoeffizient (k (VoE) real) wurde ermittelt, indem der preisbereinigte Kapitalstock (K real) durch das preisbereinigte Volkseinkommen (VoE real) dividiert wurde.

Die preisbereinigte Rentabilität (r real) wurde errechnet, indem die preisbereinigten Unternehmens- und Vermögenseinkommen (P real) durch den preisbereinigten Kapitalstock (K real) dividiert wurden. Gemäß Herleitung entspricht dies dem Quotienten von Profitquote (w) und preisbereinigtem Kapitalkoeffizient (k (VoE) real).

Wie lauten nun die preisbereinigten Ergebnisse?

Diesmal sind es die Jahre 2015 und 2017, die einen Gleichlauf von Lohnquote und Kapitalkoeffizient und damit den potenziellen Nicht-Widerspruch zwischen hoher Lohnquote und hoher Rentabilität anzeigen:

  • 2015 sinkt im Vergleich zum Vorjahr einerseits die Profitquote von 30,80% auf 30,54% und andererseits der Kapitalkoeffizient von 7,78 auf 7,76. Da jedoch die Profitquote stärker sinkt, fällt die Rentabilität bei steigender Lohnquote von 3,96% auf 3,94%. Der potenzielle Nicht-Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität wird doch nicht eingelöst.
  • 2017 sinkt im Vergleich zum Vorjahr einerseits die Profitquote von 30,72% auf 30,45% und andererseits der Kapitalkoeffizient von 7,69 auf 7,59. Da der Kapitalkoeffizient stärker sinkt, steigt die Rentabilität bei steigender Lohnquote von 4,00% auf 4,01%. Der potenzielle Nicht-Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität wird tatsächlich eingelöst.

Doch auch preisbereinigt gibt es in den 12 anderen Vergleichen keinen Gleichlauf von Lohnquote und Kapitalkoeffizient und somit einen Widerspruch zwischen Lohnquote und Rentabilität:

  • Entweder geht eine sinkende Profitquote mit einem steigenden Kapitalkoeffizienten einher, so dass die Rentabilität bei steigender Lohnquote fällt.
  • Oder eine steigende Profitquote geht mit einem sinkenden Kapitalkoeffizienten einher, so dass die Rentabilität bei sinkender Lohnquote steigt.

3 Fazit

Das Fazit soll drei Aspekte umreißen: erstens eine Kurzeinordnung zum Verhältnis von Investitionen und Löhnen, zweitens ein Erklärungsversuch für träge private Investitionstätigkeiten, drittens einen Hinweis zu Mindestrentabilitäten, viertens eine kurze Bemerkung zum Wachstum auf des Messers Schneide und fünftens ein politischer Ausblick.

3.1 Verhältnis von Investitionen und Löhnen

Wenn weiter oben darauf hingewiesen wurde, dass Löhne auch Investitionen in einem gewissen Korridor veranlassen können, soll nicht verschwiegen werden, dass vor allem konjunkturell die Höhe der Beschäftigung und die Lohnsumme auch ihrerseits von der Akkumulation abhängen. Marx formulierte dies wie folgt:

„Es sind diese absoluten Bewegungen in der Akkumulation des Kapitals, welche sich als relative Bewegungen in der Masse der exploitablen Arbeitskraft widerspiegeln und daher der eignen Bewegung der letztren geschuldet scheinen. Um mathematischen Ausdruck anzuwenden: die Größe der Akkumulation ist die unabhängige Variable, die Lohngröße die abhängige, nicht umgekehrt.“ [Marx, Karl: Das Kapital, Band I, in: MEW 23, S. 648]

Richtig ist offenbar, dass, so platt es auch klingt, alles von allem abhängt. Investitionen treiben Produktion und Einkommen und somit auch die Löhne. Umgekehrt gilt aber eben auch, dass die durch Lohnsumme gespeiste konsumtionsfähige Nachfrage Einfluss auf die Investitionen und die Akkumulation hat.

3.2 Warum sind private Investitionstätigkeiten träge?

Eine Möglichkeit für die privaten Investitionstätigkeiten kann darin bestehen, dass die Lohnquote noch nicht genug gestiegen ist. Die These: Erst bei noch stärker steigender Lohnquote würden Investitionen hinreichend veranlasst, so dass die Gesamtnachfrage kräftig steigt, der Kapitalkoeffizient kräftig sinkt und die Rentabilität steigt.

Geschwächt wird diese These indes durch die zahlreich empirisch vorfindbaren Jahre, in denen eine steigende Lohnquote durch einen steigenden Kapitalkoeffizienten und eine sinkende Rentabilität begleitet wurde.

Wenn die These einer Vereinbarkeit von steigender Lohnquote und steigender Rentabilität dennoch per se nicht falsch sein sollte, müsste es andere Erklärungen für die private Investitionszurückhaltung geben als eine steigende Lohnquote. Mögliche Gründe sind:

  1. Private Investitionen werden unterlassen, weil die öffentliche Hand diese Unterlassung ohne Vorgaben gestattet.
  2. Die öffentliche Hand setzt selber zu wenig fiskalische Impulse für ein höheres Aktivitätsniveau.
  3. Deutsche Unternehmen erwägen infolge abgeschriebener und weiterhin preiswert nutzbarer Anlagen zu wenig die Erneuerung ihres Produktionsapparats.
  4. Die Renditen für alternative Finanzinvestments sind höher als die Rentabilitäten auf Investitionen in Sachanlagen.
  5. Sättigung hat schon so weit eingesetzt, dass abnehmendes Wachstum und abnehmende Rentabilitäten zwangsläufig sind.

Hieraus ergeben sich folgende Antworten:

  1. Private Investitionen werden angeregt, indem die öffentliche Hand diese mit Vorgaben vorschreibt.
  2. Die öffentliche Hand setzt stärker eigene fiskalische Impulsen durch Ausgaben für ein höheres Aktivitätsniveau.
  3. Deutsche Unternehmen werden irgendwann mit der Perspektive konfrontiert, dass die Erneuerung ihres Produktionsapparats im Zuge von ökologischer Nachhaltigkeit und Digitalisierung unaufschiebbar ist.
  4. Die Renditen für alternative Finanzinvestments sind durch geeignete Geldpolitik so zu deckeln, dass auch geringe Rentabilitäten auf Investitionen in Sachanlagen vergleichsweise noch höher sind.
  5. Sättigung hat schon so weit eingesetzt, dass man sich mit abnehmendem Wachstum und abnehmenden Rentabilitäten zufrieden gibt.

3.3 Gibt es eine Mindestrentabilität?

Weiter oben wurde zunächst unterstellt, dass es erforderlich wäre, als öffentliche Hand eine Mindestrentabilität bei Privatinvestitionen zu sichern. Aber ist das so?

Womöglich werden Unternehmen selbst dann Investitionen in Sachanlagen tätigen, wenn die hieraus entspringenden Rentabilitäten ziemlich klein sind, solange diese höher sind als die Renditen für alternative Finanzinvestments.

Anders formuliert: Gesetzt, die Renditen für alternative Finanzinvestments belaufen sich auf einen Wert nahe 0%. Dann ist eine Rentabilität von 2% auf eine Investition in eine Sachanlage zwar nicht überragend, aber immer noch günstiger als der Verzicht auf die Investition in diese Sachanlage.

3.4 Zum Wachstum auf des Messers Schneide

Es wurde zuvor argumentiert, dass die Möglichkeit eines Nicht-Widerspruchs zwischen hoher Lohnquote auf der einen Seite und hoher Rentabilität auf der anderen Seite existiert, so dass Räume für reformorientierte Optionen entstehen – wenn nämlich einerseits die Profitquote und andererseits noch stärker der Kapitalkoeffizient steigt, so dass die Rentabilität bei steigender Lohnquote steigt.

Doch selbst wenn diese Möglichkeit Wirklichkeit wird, was keineswegs gewiss ist, wie gezeigt wurde, entsteht hierdurch doch auch ein Folgeproblem:

  • Zwar kann die Investitionsnachfrage im laufenden Jahr dazu verhelfen, die Nachfrage anzukurbeln und den Kapitalkoeffizienten k = K/Y durch ein steigendes Y so erheblich zu senken, dass die Rentabilität bei steigender Lohnquote steigt.
  • Doch im Folgejahr wird eben diese Investition den Kapitalstock K erhöhen, so dass noch mehr Nachfragesteigerung bei Y erforderlich ist, um den Kapitalkoeffizienten so sehr zu senken, so dass die Rentabilität bei steigender Lohnquote steigt.

Es liegt also das Problem eines schwer herzustellenden ausreichenden Wachstums auf des Messers Schneide vor, wie es auf der postkeynesianischen Wachstumstheorie bekannt ist.

Allerdings würde dieses Problem auch dann gelten, wenn steigende Rentabilitäten auf sinkende Lohnquoten angewiesen wären.

3.5 Politischer Ausblick

Wer den Selbstheilungskräften des Marktes misstraut, betont die Bedeutung öffentlicher Investitionen. Diese muss es aus politischen Gründen geben.

Öffentliche Investitionen muss es aber auch aus ökonomischen Gründen geben. Denn da eine sinkende Lohnquote aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit keine hier akzeptierte Option ist, führen all die Jahre, in denen eine steigende Lohnquote zu einem steigenden Kapitalkoeffizienten und zu einer sinkenden Rentabilität im Privatsektor führen, zu einer Grundskepsis im Hinblick auf private Investitionen.

Allerdings wird es private Investitionen geben müssen – die öffentliche Hand als alleiniger realer Investor in Sachanlagen wäre zu gegebenen Verhältnissen überfordert und auch nicht sinnvoll. Was dann?

  1. Die Lohnquote darf nicht sinken, so dass jede Möglichkeit zur Durchsetzung eines Nicht-Widerspruchs zwischen hoher Lohnquote auf der einen Seite und hoher Rentabilität auf der anderen Seite willkommen und zu nutzen ist.
  2. Es bedarf hierzu politisch verpflichtender öffentlicher Vorgaben bei Preisen und Volumina für den privaten Investitionsbereich in den Bereichen Umwelt, Verkehr, Infrastruktur, Digitalisierung und Daseinsvorsorge.
  3. Es braucht fiskalische Impulse durch öffentliche Ausgaben und eine geeignete Geldpolitik für niedrige Renditen für alternative Finanzinvestments.
  4. Die privaten Unternehmen werden hoffentlich selber erkennen, dass Investitionszurückhaltung keine Perspektive bietet. Dass niedrige Rentabilitäten besser als eine Nullrentabilität sind, wird Teil des Lernprozesses sein müssen.
  5. Sättigung ist zwar auch eine wirtschaftspolitische Herausforderung, aber ebenso ein Anzeichen dafür, dass das eine oder andere Versorgungsproblem bereits gelöst worden ist.
  6. Wann immer die öffentliche Hand merkt, dass sie private Investitionen anregen oder selber durchführen oder aber gar die Eigentümerschaft in bislang privat geführten Unternehmen übernehmen muss, muss sie es entschlossen tun.
  7. Die moderne Geldpolitik eröffnet finanzielle Spielräume für eine öffentliche Investitionspolitik, die solidarische, soziale und ökologische Ziele mit ökonomischer Effizienz, Effektivität und Modernisierung sowie mit Demokratie vereinbart.

Verwendete Dateien

Rentabilität (eigene Berechnungen auf Basis der VGR-Werte)

inlandsprodukt-vorlaeufig-xlsx-2180140 (Einkommensstatistik der VGR laut Destatis)

81000-0116 (Bruttoanlagevermögen laut Destatis)

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