Erinnerungen an 9/11

11. September 2001: Ich sitze als wissenschaftlicher Mitarbeiter am VWL-Lehrstuhl der RWTH Aachen in meinem Büro und merke, dass der Zugang ins Internet nicht funktioniert. Offenbar Überlastung des Netzes. Mich erreichen erste Nachrichten, dass da etwas in NY passiert sei. Irgendwann komme ich doch noch ins Netz und sehe, welche Grausamkeit sich da abgespielt hat und noch abspielt.

Am selben Abend besuche ich, seit ein paar Monaten nicht mehr Kölner Juso-Vorsitzender, aber noch immer Leiter der Juso-Linken Köln, eine Juso-AG-Konferenz. Gast ist ein Vertreter der deutschen Außenstelle der PLO, der zwar die Anschläge nicht gutheißt, aber eine armselige „Sowas kommt von sowas“-Rede anstimmt. Doch will ich nicht über Dritte lästern. Denn die Konfusion über dieses Drama spielt sich auch in meinem eigenen Kopf ab.

Einerseits formuliere ich in einem Text an die Juso-Linken-Leitung zurecht, dass „die tragische Attentatsserie (…) in puncto Terrorismus eine neue Epoche eingeläutet (hat), eine Epoche terroristischer Präzision und Brutalität, die bislang unbekannt war“, und erkläre mich „solidarisch (…) mit den Opfern und deren Verwandten“.

Andererseits schiebe ich platt nach: „Solidarität mit den NATO- oder US-Imperialisten (also der Politikerkaste sowie dem industriell-militärischen Komplex) gebietet sich m. E. nicht, denn ohne sie gäbe es keinen Bin-Laden oder Hussein. Beide Politiker wurden jahrelang von den USA gefördert: gegen die SU bzw. gegen den Iran.“ Reflexhaft füge ich überdies an: „Die NATO-Staaten bzw. die USA tragen durch ihre prokapitalistische Politik dazu bei, dass weltweit der Hunger entsteht, der täglich Tausende Opfer verursacht, exakt 25.000 Menschen pro Tag an Hunger sterben lässt.“

Doch die Zeit ist seitdem nicht stehengeblieben. Nach und nach habe ich mich mehr und mehr von einem solch platten Denken und Handeln lösen können, ohne mich jedoch wie einige andere von der Linken ganz abzuwenden.

Denn dass eine strikt kapitalistische Gesellschaftsformation, die in großem Umfang Privateigentum an Produktionsmitteln und unregulierte Profitsteuerung zu ihren Kernmerkmalen zählt, weltweit dazu beiträgt, dass Ungleichheit und Armut entstehen, behaupte ich auch heute noch. Folglich setze ich mich für eine gemischte Ökonomie und öffentliche Eingriffe in Produktion, Allokation, Verteilung sowie für Zins- und Preissteuerung ein.

Auch dass der Westen Regime unterstützt hat und unterstützt, die man nicht hätte unterstützen dürfen und nicht unterstützen sollte, ist eine Position, die ich noch heute vertrete.

Doch deutlicher als damals behaupte ich heute, dass reaktionäre, terroristische Tendenzen in bestimmten Regionen der Welt auch aus den Praktiken und Denkweisen der Menschen in diesen Regionen selbst entstehen und nicht simpel Resultat kapitalistischer Praktiken und sozioökonomischer Disprivilegierung sind. Gewiss war Afghanistans soziöokonomische Lage 2001 schlecht. Doch die Attentate wurden von niemand anderem als Bin Ladens Al-Qaida verübt und von den Taliban unterstützt.

Zudem bin ich der Ansicht, dass in etlichen Regionen der Welt, wo Terror entsteht, ein Mehr an Kapitalakkumulation mit technischem Fortschritt hilfreich für zivilisiertere Verhältnisse mit weniger Armut und Hunger wäre, wenn denn diese Kapitalakkumulation reguliert, fair und nachhaltig verliefe, was jedoch leider nicht garantiert ist.

Ich meine überdies, dass die Attacken reaktionärer Terrorgruppen Angriffe auf Freiheitsrechte und Emanzipationsfortschritte des Westens sind, die im Kapitalismus erringbar sind, weil dieser in der Lage ist, dem auf „Bluturenge, Natur und Herrschafts- und Knechtschafts[verhältnisse] gegründet[en] nur lokalen Zusammenhang“ (Marx, MEW 42, 95) das Ende zu bereiten. Aufgabe der Linken muss es daher sein, ohne jede Uneindeutigkeit bürgerliche Freiheitsrechte und Emanzipationsfortschritte gegen reaktionäre, anti-westliche Gruppierungen zu verteidigen.

Schließlich käme es mir heute nicht mehr in den Sinn, meiner Solidarität mit den Opfern dieser grausamen Attentate und mit deren Verwandten, denen großes Leid zugestoßen ist, dadurch die Kontur zu nehmen, dass ich directement Kritik an westlichen Regierungen anfüge. Solidarität kann und sollte für sich stehen.

Klar sollte sein: Gesellschaftliche Resultate lassen sich nicht nur simpel auf Intentionen zurückführen, sondern gründen in komplexen sozialen Strukturen. Bei der Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse ist die Berücksichtigung zahlreicher Vermittlungsschritte, die erst zu gesellschaftlichen Ergebnisse führen, die Alternative zu simplen Kurzschlüssen. Binäre Freund-Feind-Schemata vernebeln die Erkenntnisfähigkeit.

Foto-Credit: Robert J. Fisch

Kommentar verfassen