Bowies uneindeutige Zustände in Berlin

Nach einem ausschweifenden Lebensabschnitt in LA verließen David Bowie und Iggy Pop 1976 den kräftezehrenden kalifornischen Moloch. Die Absicht: etwas mehr Ruhe und Abstinenz von Drogen zu erlangen, denen beide in LA näher gekommen waren, als ihnen lieb war.

Das Ziel: Berlin, genauer gesagt: Westberlin, exakt: die Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg. Westberlin war damals mit Blick auf die offizielle Politik eine Frontstadt: antikommunistisch, antisowjetisch, bürgerlich.

Dafür gab es Gründe: Die Berlin-Blockade der SU 1948/49 hatte ganz direkt ihre Spuren hinterlassen. Westberlin war eine Enklave inmitten des DDR-Gebiets und somit unmittelbare Zeugin der zahlreichen Fehlentwicklungen und Untaten im sogenannten real existierenden Sozialismus. Westberliner Menschen wurden durch den nur vermeintlich nicht geplanten Mauerbau 1961 von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern im Osten getrennt.

Zugleich wurde der Westen als Konzept wohl nirgends stärker über den Klee gelobt als im Rahmen der Fronstadtmentalität der offiziellen westberliner Politik — und dies oftmals unter Nichtbenennung der Defizite im Kapitalismus und der partiellen Errungenschaften in der DDR. Dass diese Frontstadtmentalität Gelegenheit für westberliner Alternativ- und Gegenkultur und Widerständigkeit schuf, wundert nicht.

In diese Gemengelage begaben sich Bowie und Pop 1976. Da die Konfrontation von Fronstadtmentalität mit Alternativ-, Gegenkultur und Widerständigkeit nicht friktionslos verlief, verfehlten Bowie und Pop zum Teil ihre avisierten Ziele: Es gab immer mal wieder Krach statt Ruhe; und Westberlin war ein Drogenhotspot. Davon zeugt auch das letzte Lied auf Bowies 77er-Album „Heroes“ namens „Secret Life of Arabia“.

Einerseits handelt das Lied von einer amour fou zu einer Frau, die Bowies lyrisches Ich in Höchstgeschwindigkeit versetzt. Er sieht sie, fantasiert durch sie: Sie ist sein Leben. Darum bangt er auch stets um das Leben dieser Frau, die er sich auf einem Fadenkreuz imaginiert. Er ist geblendet von ihrer Schönheit, so dass es ihm vorkommt, als hätte er Sand in den Augen. Und wenn seine Heldin doch stürbe, wäre es, als würde er durch einen Wüstengesang schreiten. Alles ist so mysteriös wie arabische Geheimnisse aus 1001 Nacht.

Andererseits sind Worte wie „speed of life“, „fantasies“, „sand in my eyes“ und „heroine“ aber auch klar mit Drogenkonsum konnotiert. Das „secret life of Arabia“ steht für Rauschzustände. Das Fadenkreuz steht symbolisch für den Tod infolge von Drogen. Kurzum: Das Lied ist genauso uneindeutig wie die gesellschaftlichen Zustände im Westberlin der 70er Jahre.

In den Kommentaren verlinke ich das Lied. Die Fotos zeigen zum einen das Bowie-Haus, in dem sich heute im Erdgeschoss eine Osteopathie- und Physiotherapiepraxis befindet. Zum anderen zeigen sie den leckeren Kuchen, den ich jetzt in der Bäckerei „Leckerback“ genieße.

Kommentar verfassen