Patti Smith in Köln: Der BUND verhindert einige Sünden, doch nicht ihre

Gastbeitrag von Alban Werner

Zum ersten Mal bin ich in den Ökos für etwas dankbar. Der BUND hatte vor Gericht erfolgreich einen Eilantrag gestellt, um drei Konzerte auf der Insel Grafenwerth bei Bad Honnef (Rhein-Sieg-Kreis) zum Schutz der Umwelt zu verhindern. Grafenwerth liegt in einem Landschaftsschutzgebiet: Pech für Grafenwerth, gut für mich. Denn so fand das Konzert von Patti Smith für mich viel besser erreichbar im Köln-Mülheimer „Palladium“ statt.

Das Konzert war gut besucht, die Stimmung war gut. Gut drauf waren auch Patti Smith und Band. Smith wirkt durch und durch sympathisch und unprätentiös. Sie trägt einen schwarzen Dreiteiler, darunter ein T-Shirt, das noch weißer ist, als es inzwischen ihre Haare sind. Sie eröffnet das Konzert mit „The Wicked Messenger“, dem ersten von zwei Bob-Dylan-Covern des Abends, und schiebt ihren Klassiker „Redondo Beach“ nach, der direkt die Stimmung im Saal hochtreibt.

Smith hat eine faszinierende Bühnenpräsenz – ihre Gestik passt perfekt zu den Songs, beides fügt sich zu einer wirklich „runden“ Performance zusammen, ohne inszeniert zu wirken. Nur einmal – ich glaube, bei „Dancing Barefoot“ – greift sie selbst zur Akkustikgitarre, sonst konzentriert sie sich ganz auf den Gesang.

Nach mehreren Songs, u.a. „25th Floor“, folgt ein Gedicht: „Footnote to Howl“. Sie hält ein Exemplar eines Allen-Ginsberg-Gedichtbandes in der Hand, findet aber scheinbar eine Stelle nicht, zu der sie vielleicht etwas sagen wollte, und sagt nur: „Fuck it!“, legt ihr Exemplar beiseite und wirbt beim Publikum für das Buch. Ihre vorgetragene Gedichtinterpretation sitzt.

Es folgen für mich mehrere Überraschungen. Zunächst gibt’s ein wirklich vorzügliches Cover von „Since I’ve Been Loving You“ vom Led-Zeppelin-Album „III“. Dann geht Smith kurz von der Bühne, und die Band performt ohne sie ein Medley aus „I’m free“ von den Rolling Stones und „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed. Als Smith nach wenigen Minuten auf die Bühne zurückkehrt, folgt mit „One Too Many Mornings“ das zweite Bob-Dylan-Cover, das zumindest in der Version dieses Abends ähnlich klingt wie „The Times They Are a-Changin'“.

Smith flicht immer wieder kurze Bemerkungen zwischen die Songs ein. Sie stellt ihre Band vor – der ebenfalls bereits weißhaarige Gitarrist Jackson Smith ist ihr Sohn aus der Ehe mit dem 1994 verstorbenen Fred „Sonic“ Smith, der wiederum bei der Detroiter Rockgruppe MC5 Gitarrist war. Passenderweise widmet sie Detroit einen der Songs des Abends.

Smith kommentiert mehrmals die Verlegung des Konzerts, zeigt Verständnis für die Umweltschützer/innen, bezieht sich lobend-euphorisch auf die „Fridays for Future“-Schulstreiks. Sie erzählt, dass sie gerade einen Beethoven-Preis verliehen bekommen habe, was sie sehr freue, da sie und ihr Mann „immer Beethoven, Hendrix und Coltrane gehört haben“.

Bevor sie ihren Klassiker „Because the Night“ anstimmt, widmet sie den Song ihrem verstorbenen Ehemann – und Gerhard Richter, dem, wie sie findet, „greatest artist in the world“, mit dem sie sich wünscht, eines Tages mal einen Kaffee trinken zu gehen.

Gegen Ende des Konzerts zieht Smith ihr Jackett aus. Auf „Pissing in the River“ folgt das unvermeidliche, großartige Them-Cover „Gloria“: Glooooorrrrriiiiiaaaaaaaaaaa! Der Saal tobt. Danach geht Smith mit ihrer Band von der Bühne, kehrt aber nach frenetischem Klatschen der Menge (einschließlich meiner Wenigkeit) noch mal für „People Have the Power“ zurück. Aus anderer Leute Mund wirkte dieser Song schnell kitschig und schlimmstenfalls, wie junge Leute heute sagen, „cringe“. Aber nicht bei Patti Smith, ihr kauft man es ab.

Vielleicht schicke ich dem BUND eine Dankesmail, denn ohne ihn hätte ich Smith so bald nicht erlebt. Wenn sie den Kaffee mit Gerhard Richter trinken kann, kommt sie wieder, sagt sie. Und ich gehe dann auch wieder ins Konzert.

Also: Falls Patti Smith in eure Stadt kommt, geht unbedingt hin! Ihr werdet es nicht bereuen.

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