Zu Karl May und dem Wokeismus

1.) Für meine Entwicklung war Karl May wichtig. Wo ich aufgewachsen bin, gab es nur wenige Bücher. Die von Karl May gaben mir die Gelegenheit, Texte größeren Umfangs zu lesen und Zugang zu längeren Beschreibungen zu finden. Zudem fand ich einige seiner Bücher unterhaltsam und spannend. Schließlich haben Karl Mays Bücher meine Urteilsbildung angeregt.

2.) Karl Mays Bücher sind fiktional. Was in ihnen steht, bildet keine historische Wirklichkeit ab. Überdies arbeiten seine Bücher mit Klischees. Gut gegen böse. Bessere Apachen gegen bösere Sioux. Bessere europäische Freunde der Ureinwohner gegen bösere europäische Kolonisten und Räuber. Obendrein gibt es eine Tendenz, bestimmten Gruppen gleichsam natürlich vorhandene Charaktereigenschaften zuzuschreiben

3.) Aber: Unzählige Prosa-Bücher sind fiktional. Und viele Bücher arbeiten mit Klischees. Denken wir in der Weltliteratur an die Bilder der kämpferischen Jean Louise Finch und des aufgeklärten Atticus Finch in „Wer die Nachtigall stört“. Oder ans Bild der wankelmütigen Emma Bovary in „Madame Bovary“ und an die Zeichnung ihrer drei Männer: des Hallodris und Gutsherrn Rodolphe, des Feingeists und Kanzlisten Léon und ihres Ehemanns, des einfach gestrickten Landarztes Charles.

4.) Karl May ist keine Weltliteratur. Vermutlich gibt es in seinen Büchern auch mehr Klischees als in anderen Werken. Dennoch nähmen (vor allem, aber nicht nur jüngere) Leser, die sich ein reflektiertes Urteil zu bilden vermögen, keinen Schaden durch Karl Mays Lektüre und würden hierdurch ggf. auch unterhalten. Zudem könnten sie danach fundiert positive oder negative Kritik an Karl May üben: an seinem literarischen Stil, am Inhalt seiner Werke und an dessen Verhältnis zur Wirklichkeit sowie an den Zeichnungen der Charaktere.

5.) Wenn ein Kunde ein Buch von Karl May nicht kaufen, ein Verlag es nicht verlegen und ein Sender seine Verfilmung nicht zeigen möchte, so habe ich damit kein Problem. Aber: Wenn ein Kunde ein Buch von Karl May kaufen, ein Verlag es verlegen und ein Sender seine Verfilmung zeigen möchte, so habe ich damit ebenfalls kein Problem.

6.) Einerseits habe ich Verteidigungen gegen vermeintlich große Shitstorms gegen Karl Mays Werke vernommen, obwohl es diese großen Shitstorms gar nicht gab. Andererseits habe ich aber auch nicht den Eindruck, dass jene, die Karl Mays Werke kritisieren, rheinisch gelassen hinzunehmen bereit sind, dass manche Personen Winnetou-Bücher und -Filme eben einfach mehr mögen, als sie selbst es tun.

7.) Überdies gibt es Personen, die sich durch Winnetou-Bücher und -Filme empfindsam gestört fühlen. Meine Empfehlung wäre: Dann lest die Bücher nicht und schaut die Filme nicht. Kritisiert meinetwegen auch Karl May und seine Werke. Jeder, wie er mag. Aber manche der sich gestört Fühlenden verlangen, dass Karl Mays Bücher nicht mehr verlegt oder filmisch gezeigt werden sollen oder gar dürfen. Und es gibt Sender und Verlage, die diesem Begehren nachkommen. Beides finde ich problematisch.

8.) Dass manche Karl-May-Kritiker das Verlangen der sich gestört Fühlenden und die Praxis der Sender und Verlage, die diesem Verlangen nachkommen, nicht kritisieren, finde ich bedauerlich und problematisch.


Die Bildquelle befindet sich hier.

Kommentar verfassen