Wunder und die christlichen Konfessionen

Religion ist „Protestation gegen das wirkliche Elend“ und „der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“ (Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, S. 378)

Marx hat die Religion als „religiöse(s) Elend“ bezeichnet. Bedeutsamer ist aber sein Hinweis, dass Religion kein durch religiöse Instanzen verabreichtes „Opium für das Volk“ (Lenin: Sozialismus und Religion) ist, sondern „Opium des Volks“ (Marx: Zur Kritik, a.a.O., S. 378), also eine aus Sehnsucht genährte Denk- und Praxisform, die aus den Verhältnissen der Menschen selbst entsteht und mit ihrem Seufzen und ihren Protesten gegen Herz- und Geistlosigkeit verständlich ist.

Das spricht nicht gegen Religionskritik. Als atheistischer Katholik mag ich diese Kritik, aber sehnsüchtiges Aufbegehren gegen Herz- und Geistlosigkeit mag ich eben auch. Freilich lohnt der Einsatz für bessere diesseitige gesellschaftliche Verhältnisse mit mehr Herz und Geist. Dass man aber im Interim bis zur Verbesserung bisweilen auf jenseitige Wunder und Beistand von oben hofft, leuchtet mir ein, auch wenn ich diese Erleuchtung persönlich nicht kenne.

Katholiken sind für Wunder offener als Protestanten. Beide referieren auf Wunder, die in der Bibel beschrieben sind, aber Katholiken hoffen auch auf Wunder durch Heilige, was Protestanten unterm Leitsatz „sola scriptura“ ablehnen, da Heilige nicht Bestandteil der Bibel sind. Der mit der „protestantische(n) Ethik“ (Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus) einhergehende „Fortfall kirchlich-sakramentalen Heils“ (Ebenda, S. 93) unterscheidet offenbar den Protestantismus vom Katholizismus.

Die protestantische „Macht puritanischer Lebensauffassung“ tendiert „zu bürgerlicher, ökonomisch rationaler Lebensführung (…). Sie stand an der Wiege des modernen »Wirtschaftsmenschen«.“ (Ebenda, S. 194)

Dabei sind Wunder der Idee nach doch etwas Wunderschönes und Wunderbares und asketischem Wirtschaftsmenschentum vorzuziehen, oder? Also, Protestanten, wenn ihr schon glaubt, dann reduziert eure Askese und öffnet euch stärker für Lust und Laune unterm Motto: Mehr Wunder wagen!

Passend zum Thema gibt es hier das Lied „I Believe In Miracles“ der Jackson Sisters. Welcher Konfession die Schwestern angehören, ist unklar. Dem Text nach beziehen sie sich auf das Wunder der Liebe und nicht auf religiöse Wunder. Aber in ihrer nicht-asketischen Hoffnung ähneln sich beide Wunderarten. Das Video zeigt abwechselnd die Jackson Sisters und tanzende Personen aus der 70er-US-Show „Soul Train“.

Quellen

W. I. Lenin: Sozialismus und Religion, in: Nowaja Shisn, Nr. 28, 03.12.1905.

K. Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (1843), in: MEW 1, Berlin 1976.

M. Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. 8., photomechanisch gedruckte Auflage, Band 1 (1920), Tübingen 1986.


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