Die Welt und die Linke

Kurz vor Heiligabend noch das: In der britischen Zeitschrift „New Left Review“ hat der schwedische Soziologe Göran Therborn einen Essay über die Welt und die Linke geschrieben, siehe hier:

Der politologisch und soziologisch, aber wenig ökonomisch ausgerichtete Essay ist als großer Entwurf gefasst. Sein Gegenstand ist die Linke nach 1989 in der Welt: einerseits in den 90ern, den 00ern, den 10ern und der Gegenwart; andererseits in Europa, Nordamerika, Südamerika, Asien und Afrika.

Dieser breite essayistische Ansatz ist einerseits inspirierend, da er den weiten Blick wagt, andererseits in der Analyse zu luftig, in der Beobachtung teils oberflächig und in seinen Thesen mitunter fragwürdig. Hinzu kommt eine Kombination von Traditionalismus und Innovation in Therborns Positionierung, die nicht an allen Stellen stimmig ist. Brillant finde ich den Text also nicht. Aber Therborns Analyse ist in jedem Fall anregend und lesenswert.

Einen Satz picke ich mir aus seinem Text heraus, den ich sinnvoll finde. Die Praxis der Herauspickens ist gewiss fragwürdig, da sie einen Punkt aus einem 50-seitigen Text hervorhebt, den Therborn womöglich selbst gar nicht so wichtig findet. Aber da ich den Satz gelungen finde, stelle ich ihn dennoch heraus:

„The left climate movement needs to broaden its perspective from concentrating exclusively on utopia and apocalypse to engage with the geopolitical context and the possibility of capitalist change and sub-apocalyptic, if still dismal, planetary life.“

Übersetzt:

„Die linke Klimabewegung muss ihre bisherige Sicht, die sich auf Utopie und Apokalypse konzentriert, erweitern und sich auch befassen mit dem geopolitischen Kontext und der Möglichkeit eines kapitalistischen Wandels und eines zwar getrübten, aber nicht apokalyptischen Lebens auf dem Planeten.“

Um es zu konkretisieren: 1) Die Linke bedarf zwar der Kontakte in die Bewegung gegen den Klimawandel, aber sie kann nicht diese Bewegung selbst sein. Stattdessen muss sie parteiförmig einen Green New Deal inhaltlich ausfüllen. Sie muss das Ihrige dazu beitragen, dass diese Inhalte in staatliche und supranationale Regulierungen übersetzt werden, die privatkapitalistischem und privat-konsumtivem Handeln Vorgaben auferlegen sowie öffentliche Unternehmen und Verwaltungen anleiten.

2) Stoffverbrauch und Emissionen müssen gesenkt werden, aber dies ist nicht gleichbedeutend mit Degrowth. Ein preisbereinigtes positives BIP-Wachstum, das unterhalb des Wachstums der Ressourcen- und Emissionsproduktivität liegt, wäre Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Diese Möglichkeit gilt es zu überprüfen, statt sie vorschnell zu verwerfen.

3) Ein Green New Deal bedarf zum einen einer öffentlichen Praxis anstelle privatkapitalistischen Engagements. Zum anderen braucht er aber auch durch öffentliche Regulierungen eingehegte privatkapitalistische Initiativen auf dem Gebiet ökologisch sinnvoller Prozess- und Produktinnovationen.

4) Sozioökonomische und ökologische Belange, also die Perspektiven von Lohnabhängigen- und Umweltbewegung, können im Zuge der sozialökologischen Transformation konvergieren. Das ist aber nicht immer der Fall. Teils gibt es auch Widerspruch zwischen „roten“ und „grünen“ Belangen.

5) Wann immer statt Konvergenz Widerspruch vorliegt, steht die Linke vor der epochalen Aufgabe, im Weltmaßstab wie auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene umsetzbare und durchsetzbare, valide und pragmatische Kompromisspfade zu entwerfen, die auf ökonomische Prosperität, mehr soziale Gleichheit und Sicherheit sowie die Einhaltung der Klimaziele zugleich balanciert orientieren. Tut die Linke das nicht, wird die extreme Rechte zulegen und die Linke an Bedeutung verlieren.

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