Anlässlich des Weinfests, das auf dem Heumarkt stattfinden sollte, dort aber nicht mehr stattfinden darf, gilt: Auf der einen Seite scheint mir die Stadtverwaltung wiederholt Probleme mit ihrem Tempo zu haben. Dass es in Köln Festivitäten wie das Weinfest gibt, hätte die Stadtverwaltung früher wissen können. Auf der anderen Seite geht es über die Gesetzeslage hinaus auch um eine politische Grundsatzentscheidung für die Stadt. Andrea Blome gesteht ja selbst zu, dass die Anzahl der Veranstaltungstage am Heumarkt höher als die erlaubten 18 liegt. Wo soll die Grenze dann liegen? Bei 63, wie aktuell geplant, oder geringer oder höher? Um diese freilich auch nicht leicht zu beantwortende Frage drückt sich die Stadtverwaltung und redet nur von der Moderation verschiedener Interessen im Dialog. Dialog ist zweifelsohne wichtig, aber Vision und Konzept sind auch wichtig.
Ich habe den Eindruck, in Köln haben Pressuregroups der Fraktion „Ruhe zuerst!“ an Bedeutung zugelegt, nicht selten angeführt von Leuten, die einst wegen der Fröhlichkeit der Stadt aus der Provinz nach Köln gezogen sind, nun aber mit zunehmendem Alter jene Provinzialität, deretwegen sie einst ihre Heimat verlassen haben, in der Stadt Köln aufs Neue reklamieren – nach dem Motto: Rummel? Ja, ein wenig, aber bloß nicht zu viel! Diese hybride Konstellation aus Rummel und Ruhe funktioniert aber meines Erachtens nicht. Eine solche hybride Konstellation funktioniert auch nicht, wenn man versucht, zugleich „nur“ Großstadt als auch Metropole sein zu wollen. Daher wird sich Köln hier entscheiden müssen. Und alle Parteien sind aufgerufen, hier Position zu beziehen.
Meine Position ist klar: Köln sollte Metropole sein wollen und seine Politik darauf ausrichten. Das heißt: Köln wird trotz allgemeinen demographischen Rückgangs konkreten Bevölkerungszuwachs haben, und zwar bis auf ca. 1,2 Mio. oder mehr Menschen. Damit das funktioniert, brauchen wir aber deutlich bessere sozioökonomische und kulturelle Perspektiven mit a) hinreichenden ökonomischen Wachstumsfeldern, b) einer starken sozialen, technischen und kulturellen Infrastruktur und c) einer von der großen Mehrheit der Stadt gemeinsam getragenen metropolitanen Kultur.
Metropole sein bedeutet: ÖPNV in der Fläche wie auch im Zentrum. Ost-West-Achse ober- und unterirdisch. ÖPNV, E-Autos, Motorräder, Fahrräder, E-Scooter und Fußgänger mikromobil schlau und smart kombinieren. Nicht nur Entschleunigung mit Tempo 30, sondern auch urbane Beschleunigung des Takts. Starke Anbindung an den internationalen ÖPFV und MIV. Einbindung in den transnationalen High-Tech-Kapitalismus mit Produktion, DL und Handel sowie zugleich sozialer Ausgleich mit Vor- und Nachsorge und Mitnahme jener, die mit dem Tempo Probleme haben. Neben unvermeidlich existierenden teuren Immobilien endlich Bau von viel mehr bezahlbarem gemeinnützigem Wohnraum, um Mietenauftrieb und Wohnungsnot zu vermeiden. Eher Lärm und Party statt Ruhe und Beschaulichkeit. Big is beautiful statt small is beautiful.
Metropole sein setzt voraus: Bereitschaft der Stadt und in der Stadt zu massiven öffentlichen und privaten Investitionen und Ausgaben in Wirtschaft, Soziales und Infrastruktur für ein massiv verbessertes Angebot. Bereitschaft der Stadt, öffentliche Schulden der Stadt und des Stadtwerkekonzerns einzugehen, wenn das Wachstum größer als der Zinssatz ist. Kooperation mit der Metropole Düsseldorf und der Großstadt Bonn wie auch Zusammenarbeit mit dem Kölner Umland. Bereitschaft des Bundes, des Landes und der Umlandkommunen, diesen Weg verbesserter Angebote und höherer Ausgaben mitzugehen und finanziell zu supporten, und das heißt: Die Schuldenbremse im Bund muss weg. Die Steuern der Reichen müssen steigen. Die Gemeindeordnung NRW mit ihrem Kleinkrämerstil gehört reformiert. Teile der Umlandkommunen müssen eingemeindet werden. Die Abführungen aus dem kommunalen Finanzausgleich an die Metropolen müssen steigen. Es muss Schluss mit der NIMBY-Politik (’not in my backyard‘) sein.
Zum Schluss: Man sieht an der von mir selbst auf Basis von Eurostat-Daten erstellten Grafik, dass Köln genauso wie Düsseldorf und die Großraumregion Paris (Ile-de-France) in der Bevölkerungsentwicklung hinter den Großraumregionen London, Amsterdam (Noord-Holland) und Wien zurückbleiben, dass es also unterschiedliche Möglichkeiten und Pfade der Entwicklung gibt. Köln muss sich also auf Basis der verschiedenen Prognosen für seinen Weg entscheiden.

